„Alcina“: Oper im Reich der Zauberin

Betont umweltfreundlich ist die neue Opéra des Nations, das Ausweichquartier für das Grand Théâtre de Genève, das endlich renoviert wird. Sie wurde mit einer Neuproduktion von Händels „Alcina“ eröffnet.

„Alcina“ - Grand Théâtre de Genève
„Alcina“ - Grand Théâtre de Genève
„Alcina“ - Grand Théâtre de Genève – (C) GTG/ Magali Dougados

Er hat schon bessere Tage gesehen, dieser antiquarische Krimskrams am Bühnenrand. Zwischen den Tasten eines Hammerklaviers quillt Unkraut hervor, ein Vogelkäfig, leere Bilderrahmen und Möbelstücke setzen Patina an und lassen an ein vergessenes Depot denken – und eine Art Lagerhalle beherrscht auch die Szenerie. In diesem düsteren Ambiente, in dem freilich ein Kristallluster glitzert und eine illustre lange Tafel lockt, regiert die Zauberin Alcina und hält den Ritter Ruggiero als ihren Geliebten gefangen: ein Reich, in dem der schöne Schein seinen beständigen Kampf austrägt mit der Natur, wo das künstliche Festhalten, etwa symbolisiert durch ausgestopfte Tiere, sich dem Kreislauf des Lebens widersetzt, das wiederum in Gestalt von Gras und Blumen längst unaufhaltsam durch die Ritzen dringt.

Grün siegt: eine gelungene Pointe, die der Bühnenbildner Falko Herold für die Eröffnungsvorstellung der neuen Opéra des Nations in Genf in einem Universitätspark in unmittelbarer Nähe des UNO-Geländes setzt – auch wenn er über Alcina zuletzt Schnee fallen lässt.

 

Bauteile und Know-how aus Paris

Denn Umweltfreundlichkeit und Recycling waren Leitgedanken bei der Errichtung dieses hölzernen Ausweichquartiers, das nun bis 2017 der renovierungsbedürftigen Genfer Oper als Spielstätte dient und dessen Kosten von 11,5 Millionen Franken bisher zu zwei Dritteln von privaten Sponsoren berappt wurden. Nicht nur das Know-how, sondern auch die Bauteile dazu kamen aus Paris: Dort hatte die Comédie-Française 2012 aus gleichen Motiven ein Théâtre Éphémère in den Gärten des Palais Royal bezogen und nach Erneuerung ihres Stammhauses zum Verkauf angeboten. Genf bekam den Zuschlag und übernahm auch den Abbau und den kostspieligen Transport der Module. Adaptiert, erweitert und neu zusammengefügt ergeben diese nun die Opéra des Nations: mit einem Orchestergraben mittlerer Größe und 1100 Sitzplätzen, 400 mehr als in Paris – auf steil ansteigenden Rängen, unter deren offener Stützkonstruktion das Publikum in den schmucklos-schlichten Saal strömt. Alles soll spurlos wieder abgebaut werden, wenn das Grand Théâtre de Genève wieder bespielbar ist. Nur die lautlos sich faltenden, bequemen Klappsessel verbreiten einen Hauch von Luxus.

Extrem beansprucht wird das Sitzfleisch bei dieser hübschen Produktion von Georg Friedrich Händels „Alcina“ ohnehin nicht: Zugegeben, das komplette Stück ist lang, zu lang vielleicht für ein nicht auf Barockoper spezialisiertes Publikum. Da mögen Striche helfen – doch kommen diese oft Händels ausgeklügelter musikalischer Dramaturgie in die Quere, in der Licht und Schatten, Vorwärtsdrang und Kontemplation in einem packenden Spiel der Affekte ineinandergreifen.

 

Regisseur Bösch: Kein Spiel im Spiel

Der Rotstift erzielt da zwar eine kürzere Spieldauer, hier etwa drei Stunden mit Pause, nicht aber einen automatisch spannungsreicheren Ablauf. David Bösch wollte die Story offenbar bewusst auf die mehr oder minder magischen Liebesirrungen und -wirrungen hin verdichten. Der auch aus Burg und Akademietheater bekannte Regisseur verzichtet dabei auf Aktualisierungen und doppelte Böden: kein Spiel im Spiel wie bei Adrian Nobles „Alcina“ 2010 an der Wiener Staatsoper, keine Anspielungen auf den christlich-muslimischen Konflikt der Vorlage, dem „Rasenden Roland“ von Ariost. Stattdessen zeigt er viel Tändeln und Zündeln auf emotionaler Ebene, wobei der ganze zweite Teil zum quälenden Abschied auf Raten wird und auch die „Guten“ ihren Sündenfall erleben: Da foltert die tapfere Bradamante, die sich in Männerkleidern auf die Suche nach ihrem verschollenen Verlobten Ruggiero gemacht hat, dessen schließlich gefesselte Verführerin Alcina ohne Zögern mit einer Zigarette . . .

Kristina Hammarström, als Bradamante auch dem Publikum der Wiener Staatsoper vertraut, bot mit schlanker, wendiger Barockstimme die insgesamt ausgewogenste Leistung des Abends auf ihrem Weg von der klugen Beherrschtheit in einen solchen rachsüchtigen Ausnahmezustand. Beim Rest der Besetzung stand hörbar die Expression im Vordergrund, nicht so sehr die Virtuosität: Nicole Cabell als Alcina mag eine ebenso stattlich große wie aufregende Erscheinung mit großer Bühnenpräsenz sein und ihren schulterfreien Glitzerfummel, unter dem vielsagend ein Pelz zum Vorschein kommt, mit Eleganz tragen. Doch so recht funkeln will ihr Sopran nicht, sondern klingt matt gurrend, beeindruckt eher mit dramatischen Reserven. Mit überdeutlich exaltierter Darstellung und etwas unebener Gesangslinie zeigte daneben Monica Bacelli, dass Ruggiero Alcinas Zaubermacht erlegen war. Siobhan Stagg wiederum steigerte sich als Morgana nicht nur in eine Schwangerschaft hinein, sondern auch zu zarten Tönen kindlicher Klarheit.

Unter der leidenschaftlichen Leitung von Leonardo García Alarcón wirkten im Graben ganz undogmatisch das Orchestre de la Suisse Romande und als zusätzliche Continuogruppe die Cappella Mediterranea zusammen, wobei hier die Gambe, dort das Violoncello sonor hervorragten: Händel herzhaft, aber auch mit Herz. Viel Begeisterung, etwas Widerspruch gegen die Inszenierung.

„Alcina“: noch bis 29. Februar 2016; die nächste Produktion der Opéra des Nations gilt einer raren komischen Oper, Gounods „Médecin malgré lui“, inszeniert von Laurent Pelly (ab 4. April). Info: www.geneveopera.ch

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2016)

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