Nikolaus Harnoncourt ist gestorben

Der berühmte Dirigent starb in der Nacht im Kreise seiner Familie nach einer schweren Krankheit.

Nikolaus Harnoncourt
Nikolaus Harnoncourt
Nikolaus Harnoncourt – Reuters

Vor wenigen Wochen erst hat der wohl prägendste Dirigent seiner Generation die Abonnenten seines Wiener Musikvereins-Zyklus wissen lassen, dass er nicht mehr imstande sei, weiterhin Konzerte zu leiten. Am Sonntagnachmittag kam die Meldung, dass Nikolaus Harnonocurt 86-jährig gestorben ist. Die Klassik-Welt verliert damit jenen Mann, der wie kein anderer die Aufführungsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte geprägt und den Geschmack einer ganzen Hörergeneration entscheidend mitgeprägt hat.

Geboren am Nikolaustag des Jahres 1929 hat der Spross einer Adelsfamilie kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien Musik studiert. Als Schüler des philharmonischen Cellisten Emanuel Brabec erhielt er 1952 eine Cellisten-Stelle bei den damals von Herbert von Karajan geführten Wiener Symphonikern. Parallel zu seinem Orchesterdienst arbeitete Harnnoncourt von Anbeginn mit gleichgesinnten wie Eduard Melkus oder seine spätere Frau Alice an der Herausbildung eines an der historischen Wahrheit orientierten Aufführungs-Stils. 

Zu diesem Zweck gründete Harnoncourt das Ensemble Concentus musicus, mit dem er anfangs gegen heftige Widerstände, später geradezu abgöttisch verehrt, zunächst barockes Repertoire erarbeitete. Die klanglichen Ergebnisse waren bahnbrechend und wurden bald auch auf Schallplatten dokumentiert. Das mehrte den Ruhm des Concentus in aller Welt und führte zuletzt auch in Wien zu höchster Anerkennung. 

Verstörend "andere" Hörerfahrungen

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt war geboren, als der Künstler den Platz am Cellopult, von dem aus er zu Beginn den Concentus geleitet hatte, mit jenem am Dirigentenpult vertauschte. Da seine theoretischen Funde, die er auch als Buchautor wiederholt publizierte, vor jüngerem Repertoire nicht Halt machten, holten bald auch große Symphonieorchester den Klang-Revoluzzer in die großen Konzertsäle. Das Concertgebous in Amsterdam machte den Anfange, die Berliner und zuletzt doch auch die Wiener Philharmoniker setzten nach. Das Harnoncourt-Repertoire erweiterte sich rasch von Bach und Händel über Haydn, Mozart und Beethoven bis hin zu Brahms, Bruckner und in den letzten Jahren auch in Richtung musikalischer Moderne. Ob Bartók oder Strawinsky, ja sogar Gershwin: Harnoncourt garantierte in allen Bereichen für neue, frische, oft verstörend "andere" Hörerfahrungen. Womit er zum wichtigen Katalysator wurde: Neues Publikum erfreute sich an der Energetik seiner Zugänge, erfahrene Hörer begannen staunend ihre Sichtweisen zu hinterfragen. Kalt gelassen hat Niolaus Harnoncourt jedenfalls niemanden. 

Harnoncourt: Die Karriere eines Ausnahmedirigenten

Die Opernhäuser hatte sich der Maestro bereits in den Siebzigerjahren erobert, indem er mit Jean-Pierre-Ponnelle die drei großen Monteverdi-Musiktheaterwerke szenisch erarbeitete. Mit dieser Zürcher Produktion ging man dann auf Tournee. Die Videodokumente dieser Großtat geben bis heute beredtes Zeugnis vom Harnoncourtschen Raffinement: Ponnelle hatte es verstanden, dem akustischen Erlebnis eine adäquate Optik zur Seite zu stellen. Auch sie griff zurück auf historische Informationen - und doch war das Ergebnis neu, aktuell, heutig. Diese Brückenfunktion gepflegt zu haben, war Nikolaus Harnoncourts Stärke. Er hat sie allen Anfeindungen gegenüber stetig auszubauen gewusst; und hat auch seinen unkritischen Lobrednern gegenüber nie seine Noblesse verloren. Wer da meinte, ihn durchschaut zu haben, staunte immer wieder aufs neue: Mag manches erstaunlich, verwirrend, verstörend geklungen haben; es klang mit Sicherheit bei jeder Begegnung anders als das letzte Mal. 

 

Wichtige Stationen seines Lebens

6. Dezember 1929 Geburt in Berlin als Johann Nicolaus de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt
1931 Familie übersiedelt wieder nach Graz
1945 Aufnahme von Cello-Unterricht
1947 Regisseur und Puppenschnitzer bei einer Produktion von Bruno Ertlers "Dr. Faust" im Grazer Palais Attems
1949 Gründung des Wiener Gamben-Quartetts
1952 Harnoncourt wird Cellist der Wiener Symphoniker
1953 Heirat mit Alice Hoffelner
1953 Gründung des Concentus Musicus Wien
1957 Offizielles Debüt zur Wiedereröffnung des Palais Schwarzenberg
1969 Rückzug als Symphoniker-Cellist
1972 Beginn der Dirigententätigkeit an der Piccolo Scala in Mailand
1973 Professur am Mozarteum Salzburg
1975 Erste Opernproduktion (Monteverdis "L'Orfeo" in Zürich)
1980 Erster Auftritt als Dirigent in Österreich (auf der Salzburger Mozartwoche)
1983 Debüt am Pult der Wiener Symphoniker
1984 Debüt am Pult der Wiener Philharmoniker
1985 Gründung des steirischen Klassikfestivals styriarte
1987 Debüt an der Wr. Staatsoper mit "Idomeneo"
1992 Debüt bei den Salzburger Festspielen mit Beethovens "Missa Solemnis"
1992 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wien
1999 Verleihung der Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker
2001 Dirigiert erstmals das Neujahrskonzert
2002 Verleihung des Ernst-von-Siemens-Musikpreises in München
2002 Aufnahme in den Orden "Pour le Merite"
2002 Verleihung des Grammy für die Aufnahme von Bachs "Matthäuspassion"
2003 Großes Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland
2004 Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker
2008 Einzige Opernregie (Mozarts "Idomeneo" bei der styriarte)
2009 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
2012 Ernennung zum Officiers dans l'Ordre de la Legion d'Honneur
2014 Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker
2014 Echo Klassik für das Lebenswerk
5. Dezember 2015 Verkündung des Rückzugs in einem offenen Brief
5. März 2016 Tod im Alter von 86 Jahren

(APA)

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