Stiller Abschied von Nikolaus Harnoncourt

Der Concentus Musicus ehrte seinen verstorbenen Gründer mit Mozarts Requiem. Ein bewegender Abend.

File photo of maestro Harnoncourt during a dress rehearsal of Mozart´s opera ´Die Zauberfloete´ in Salzburg
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File photo of maestro Harnoncourt during a dress rehearsal of Mozart´s opera ´Die Zauberfloete´ in Salzburg
Archivfoto von Harnoncourt bei´Die Zauberfloete´ in Salzburg – (c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)

Am Ende geschieht das Wunder: Alle, wirklich alle, die an diesem Sonntag gekommen waren, um den im März verstorbenen Nikolaus Harnoncourt noch einmal im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zu ehren, verzichten nach Mozarts Requiem auf den Applaus. Ganz vorsichtig lässt Dirigent Stefan Gottfried die Arme sinken, zügig verlassen erst die Solisten, dann Chor und Orchester die Bühne. Und das Publikum folgt, im doppelten Sinne. Nur die gleichzeitigen Schritte Hunderter Füße sind zu hören. Ein gespenstischer, ein schöner Moment.

Mozart war der einzige Komponistenname, der auf dem Programmzettel stand, der einzige, der dort stehen konnte, bedenkt man die zentrale Rolle, die Mozart für Harnoncourt spielte. Und umgekehrt: Gerade bei Mozart fiel die Radikalität – im Sinne eines Vordringens zu den Wurzeln – von Harnoncourts Zugang besonders auf, im Kontrast zu den Wohlfühl-Wattebäuschen, in die dieser Komponist gern gewickelt wurde.

Nahe an Harnoncourts Ideal

Als „Feuerbringer“ hat Otto Biba in seinem Nachruf Harnoncourt bezeichnet – und dieses Feuer wird weitergetragen. Gottfried, dem mit der Leitung des Concentus auch die denkbar schwierige Aufgabe dieses Konzerts zufiel, dem Orchester, dem erstklassigen Solistenquartett (Julia Kleiter, Bernarda Fink, Michael Schade, Gerald Finley, allesamt Harnoncourt-Weggefährten) und dem Arnold-Schönberg-Chor gelang eine Interpretation, mit der sie Harnoncourts Ideal denkbar nahe kamen: Mit aufrüttelnder Dramatik in den Ecksätzen der g-Moll-Symphonie, einer durch die reduzierten Streicher verschobenen Gewichtung und vor allem einer Phrasierung, die zwar nicht alles wichtig, aber nichts unwichtig nimmt. Im Requiem wird zudem einmal mehr deutlich, warum es gerade Erwin Ortners Schönberg-Chor war, mit dem Harnoncourt so eng zusammenarbeitete: Weniger durch die existenzielle Wucht, mit der etwa das „Dies Irae“ hereinbricht, als durch die zarten Passagen, denn das ganze Vermögen eines Chores offenbart sich oft erst im Gehalt seines Pianos. Wenn der Schönberg-Chor etwa das Ende des „Agnus Dei“ in den Saal zaubert, scheint die Zeit stillzustehen.

Doch sie steht nicht still, schon gar nicht für den Concentus, zum Glück: Die nächsten Konzerte gelten am 28./29. Mai Beethovens Neunter, und auch in der kommenden Saison gibt es einen – wenn auch veränderten – Zyklus im Musikverein. Ja, das Feuer wird weitergetragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2016)

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