Der gute Tenor im Haus erspart das Gasthonorar

Die Staatsoper macht aus "Don Pasquale" einen Lebensbeweis der totgesagten Ensemblekultur.

(c) Michaela Bruckberger

Das Abonnementpublikum der Wiener Staatsoper hatte an der in allen wichtigen Rollen neu besetzten zehnten Aufführung von Irina Brooks „Don Pasquale“-Inszenierung spürbar Spaß. Was bei der Premiere zu viel an Klamauk gewesen sein mag, hat sich abgeschliffen. Die Komödie schnurrt in Donizettis oft rasantem Parlando-Ton ab, lässt aber auch den kontemplativen Momenten genügend Atem, bietet als im Adagio wie im Vivacissimo Möglichkeiten, die von der neuen Besetzung darstellerisch wie vokal genützt werden.

Zungenbrecher. Das Räderwerk läuft wie geschmiert, sowohl bei den häufig in riskante Höhen getriebenen Koloratur-Ketten der Norina wie bei den diversen zungenbrecherischen „Rossiniana“, die im virtuosen Duett zwischen Doktor Malatesta und dem Titelhelden während der Verwandlung zum letzten Bild ihren begeistert akklamierten Höhepunkt erreichen. Mario Cassi und Ambrogio Maestri bleiben einander hier an Eloquenz nichts schuldig, wobei beide im Verlauf der Komödie auch die verhalteneren Momente auszukosten wissen.

Cassis schönem, nur gegen die Tiefe zu nicht sehr substanzreichen Bariton gelingt der Spagat zwischen Schlitzohrigkeit und liebevoller Anteilnahme ebenso gut wie Maestri die Ambivalenz zwischen gutgläubiger Naivität und Resignation, die einen Pasquale auszeichnen muss.
Der weltreisende, demnächst auch in Wien wieder gastierende Falstaff versteht sich offenbar auch auf die Zwischentöne bei Verdis großem Vorgänger – hinreißend, wie er nach der frechen Ohrfeige, die ihm sein junges, gleich nach der Verheiratung furios explodierendes Eheweib verabreicht, nicht nur das Publikum berührt, weil er die Welt nicht mehr versteht. Auch Norina selbst gerät kurzfristig ins Wanken, ob die Komödie, die Malatesta da angezettelt hat, nicht allzu böse auszuarten droht.

Hausbesetzungen. Andrea Carroll macht das nicht nur sicht-, sondern auch hörbar. Ihr ungemein koloraturgewandter, sogar im Geschwindigkeitsrausch noch präzis artikulierender Sopran verfügt auch über genügend Sattheit und Wärme für solche humane Anwandlungen.

Womit die Staatsoper nach der Premierenbesetzung eine zweite exquisite Besetzung für die heikle Partie im Ensemble hätte, der – was wohl noch ungewöhnlicher ist – auch ein Tenor von Format zur Seite steht, der mit Fixvertrag an Wien gebunden ist: Jinxu Xiahou verfügt über eine helle, in allen Lagen ansprechende Stimme, platziert mühelos die geforderten Spitzentöne und phrasiert mit großer Eleganz.

Solche Qualität muss anderswo teuer zugekauft werden; was aber nichts nützt, denn nur in Wien serviert ein solches Orchester ein solches Pointenfeuerwerk! Und zwar in dem atemberaubenden Tempo, das Marco Armiliato vorgibt. Der Maestro hat nach vielen energetischen Verdi-Dirigaten dieses Frühjahrs einen Draht zu den Musikern gefunden, der es ihm ermöglicht, sie selbst im Belcanto-Repertoire zu engagiertem Spiel zu animieren. Gelernte Wiener Musikfreunde wissen, was das bedeutet: Der Pegelstand des musikalischen Niveaus der Staatsoper ist derzeit ungewöhnlich hoch, auch an Abenden, an denen die Netrebko gerade nicht auftritt . . .

Nur eine Reprise am 29. Juni!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2016)

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