Was ein Streichquartett alles kann

Von Haydn bis (fast) heute: Eine neue Edition vereint alle Aufnahmen, die das Emerson Quartet für die Deutsche Grammophon gemacht hat – und zeichnet damit auch die Geschichte eines wahrlich klassischen Genres nach.

Emerson String Quartet performs in Rudolfinum Hall during the concert of the Dvorak Prague Festival
Emerson String Quartet performs in Rudolfinum Hall during the concert of the Dvorak Prague Festival
(c) imago/CTK Photo (imago stock&people)

Vor 40 Jahren bildeten Musiker der amerikanischen Juilliard School ein Ensemble, das Interpretationsgeschichte schrieb: Seit fast drei Jahrzehnten nimmt dieses Emerson Quartet für die Deutsche Grammophon auf – alle Einspielungen wurden zum Gründungsjubiläum in einer CD-Box gesammelt: Der breite Querschnitt durch das klassische, romantische und moderne Quartett-Repertoire kann auch als prachtvoller Hör-Guide durch die Geschichte einer singulären Kunstform herhalten.

Tatsächlich hat sich keine Instrumentalgattung jenseits der Symphonie zu einem solchen Qualitätsgradmesser für die sogenannte klassische Musik entwickelt wie das Streichquartett. Dass als Geburtshelfer für beide, für die Symphonie wie das Quartett, Joseph Haydn fungiert hat, ist eine schöne Pointe der Musikgeschichte.

Dennoch haben – wie alle bedeutenden Quartett-Ensembles – auch die Emersons nie daran gedacht, sich an sämtliche der über 80 erhaltenen einschlägigen Kompositionen Haydns zu wagen. Vielmehr haben sie die meistgespielten interpretiert, darunter selbstverständlich Werke wie das „Kaiserquartett“, den „Scherz“, das „Quinten-“, „Lerchen-“ und das „Reiterquartett“; genug, auch einen Einsteiger Haydn-süchtig zu machen, denn an den genannten Werken ist der ungeheure Einfallsreichtum dieses Komponisten und seine Fähigkeit, niemals eine Pointe zweimal zu erzählen, anschaulich zu studieren – und die Aufführungen durch das Emerson Quartet sind von hoher Gediegenheit, nie (etwa durch allzu beredte Deutungen) aus dem klassischen Rahmen fallend, aber innerhalb dessen reich differenziert.

Dieses interpretatorische Balancegefühl zeichnet das Spiel dieses Quartetts durchwegs aus – es kommt auch bei den technisch anspruchsvollsten Herausforderungen, die im 20. Jahrhundert an Kammermusiker gestellt wurden, nicht ins Wanken. Dadurch werden die Emersons – mit ihrem ungewöhnlichen paritätischen Wechselspiel von Eugene Drucker und Philip Setzer, die als Primgeiger alternieren – auf diesem historischen „Hörgang“ zu Führern auf höchstem Niveau.

Integrale Zyklen haben sie nur von Beethoven, Bartók und Schostakowitsch für CD aufgenommen; das hat Methode, denn gerade diese Werkreihen vermitteln nicht nur ein Persönlichkeitsbild des jeweiligen Komponisten, sondern auch eine einzigartige Übersicht über die kompositorischen Ausdrucksformen in deren Ära. Dass Beethoven, der mit seiner Neunten Symphonie ja auch die Anschauung dessen, was eine Symphonie sein kann, in visionäre Regionen geweitet hat, auch in seinen danach entstandenen späten Quartetten Räume erschlossen hat, die selbst knapp 200 Jahre später noch unbeleuchtete, rätselhafte Geheimgänge beherbergen, ist eine Binsenweisheit.

Bartók und Schostakowitsch haben, jeder auf seine Weise, auf diese Herausforderung reagiert und völlig neue Formkonzepte gefunden. Der Ungar erschließt mit seinen sechs Werken von Stück zu Stück innovative Klangkonzeptionen, einmal aus wütender revolutionärer Dissonanz-Emanzipation geboren (am schönsten und direktesten erfahrbar am knallharten Beginn des Finales von Nr. 4), Klangflächen, die schon die Materialbehandlung der Postmoderne vorwegzunehmen scheinen, aber auch eine neue Schlichtheit, geboren aus der Beschäftigung mit der echten ungarischen Volksmusik oder der echten bulgarischen Folklore, die uns in Nr. 5 rhythmischen Swing in höchst unregelmäßigen Metren beschert. Schostakowitsch wiederum behandelt das Streichquartett in seinen späten Jahren als Tagebuch, in dem sich die Flucht eines verletzlichen Menschen ins Innerste seiner Kunst vollzieht, bis es zu einem Streichquartett mit beinah ausschließlich langsamen, hoch expressiven Sätzen kommt, eine Attitüde, von sehr fern verwandt ist mit Haydns liturgischem Unikat der „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“, einer Folge von sieben Adagio-Sätzen, die in der Edition ebenfalls enthalten ist.

 

Berg, Webern, aber nicht Schönberg

Aufgefüllt wird der historische Graben durch die bedeutendsten romantischen Quartett-Schöpfungen von Schubert, Schumann, Brahms oder Dvořák, durch die Solitäre von Debussy und Ravel, die beweisen, dass auch ganz antiklassische Konzepte von zwei Violinen, Bratsche und Cello formvollendet darstellbar sind. Und von Spitzenwerken aus dem 20. Jh., etwa den Quartett-Kompositionen Anton von Weberns und der „Lyrischen Suite“ von Alban Berg. Auch hier ist bezeichnend, dass das Emerson Quartet nicht enzyklopädisch vorgeht, dass es Arnold Schönberg ausspart und stattdessen die Moderne aus höchst unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet – von Janáček oder Prokofieff, Charles Ives oder weiteren Amerikanern, wohl dem Lokalpatriotismus geschuldet . . .

Nur von Mendelssohn und Brahms hören wir aus romantischen Zeiten übrigens alle Quartette – und noch Zugaben mit exzellenten Gastsolisten, die das kammermusikalische Fenster in Richtung der Quintette (mit Klavier oder Klarinette) oder des hinreißenden Mendelssohn-Oktetts aufstoßen; höchst anregend für die mögliche weiterführende Beschäftigung . . .

Emerson String Quartet: Complete Recordings on Deutsche Grammphon, 52 CDs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2016)

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