Konzerthaus: Trauermusik vor dem Marsch in den Tod

"Defiant Requiem: Verdi at Terezín" erzählt von einem Dirigenten und einem Gefangenenchor im KZ.

(c) Clemens Fabry

Was sie nicht sagen durften, sangen sie: 16-mal brachten jüdische Gefangene im Zweiten Weltkrieg im Konzentrationslager Theresienstadt, dem NS-„Vorzeigelager“ in Böhmen, Giuseppe Verdis Requiem zur Aufführung – ein Widerstand der Kunst gegen die Nationalsozialisten.Murry Sidlin erinnert in seinem multimedialen Werk „Defiant Requiem: Verdi at Terezín“ an die außergewöhnliche Geschichte, er entwarf dafür eine Form, die er „Konzertdrama“ nennt. Der 76-jährige US-Musiker würdigt so diesen Chor in Terezín und seinen Dirigenten Rafael Schächter, der 1945 bei einem Todesmarsch starb. Am Dienstag hatte das „Protestrequiem“ im Wiener Konzerthaus die österreichische Erstaufführung.

Bereits beim Eintritt gibt es eine Überraschung: Security kontrolliert, wer keine Karte hat, wird zum Schalter eskortiert, „aus Sicherheitsgründen“. Der sonst hell erleuchtete Große Saal ist abgedunkelt. Hell erscheint nur der an die Wand projizierte Schriftzug „Arbeit macht frei“, der am Eingang vieler KZs stand. Man hört einen einfahrenden Zug, während der Tschechische Philharmonische Chor Brünn zum Requiem et Kyrie anhebt, begleitet vom Orchester Wiener Akademie.

 

Überlebende des NS-Terrors

Es wird keine gewöhnliche Totenmesse. Vor jedem der sieben Teile kommen über Video Überlebende des KZ zu Wort. Die Proben für das Requiem unter der musikalischen Leitung Schächters hätten sie für ein paar Stunden ihre Angst vergessen lassen, erzählen sie. Erwin Steinhauer und Katharina Stemberger tragen Worte des ermordeten Dirigenten und seiner Mithäftlinge vor. Im Mittelpunkt steht nicht Verdi, sondern die Geschichte der Sänger von damals. Chor und Orchester zeigen sich unter der Leitung von Sidlin kraftvoll und konzentriert. Die Solisten, auch die kurzfristig für die erkrankte Janina Baechle eingesprungene Mezzosopranistin Annely Peebo, erweisen sich als solide, wenn auch nicht bravourös. Vor allem in den Höhen zeigt sich manche Unsicherheit. Der Effekt im Finale berührt: Ein Zug fährt ab. Immer leiser werdend, verlassen Chor und Orchester den Saal, die erste Geige spielt allein zu Ende. Der Dirigent bittet um einen Moment stillen Gedenkens. Als auch er abgegangen ist, verharrt das Publikum still im Dunkel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2016)

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