Ein Figaro, pragmatisiert in des Grafen Diensten

Peter Mattei ist an der Staatsoper ein so stimmstarker wie fieser Graf, Mario Cassis Figaro fehlt etwas Dynamik.

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Themenbild: Staatsoper – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mozarts „Nozze di Figaro“ ist eine unberechenbare Oper, vor allem im Repertoirebetrieb mit wechselndem Personal. Vier große Rollen, alle mit dem Zeug, eine Aufführung zu prägen, sei es die smarte Susanna, der grobe Graf, der feixende Figaro, sei es die sich grämende Gräfin.

In der aktuellen Serie an der Wiener Staatsoper lässt Peter Mattei in seinem Rollendebüt als Conte d'Almaviva gar keinen Zweifel an den Herrschaftsverhältnissen aufkommen. Kalt überblickt er die Szenerie, seine Aggressivität drückt sich mehr noch als in gelegentlichen Handgreiflichkeiten in einer subkutanen Bösartigkeit aus, der oft die kleine Geste, der fiese Blick reicht. Umso stärker die Wirkung, wenn die aufgestaute Wut aus ihm herausbricht, wie in der großen Arie im dritten Akt, die auch in Sachen Stimmkultur und -beherrschung Höhepunkt des Abends wird. Mario Cassi als Figaro – ebenfalls ein Rollendebüt – kann da nicht ganz mithalten. Er hat einen nobel geführten Bariton, übt sich allerdings, vor allem in den tieferen Lagen, in (zu) nobler Zurückhaltung. Starke Konturen verleiht er seinem Figaro auch darstellerisch nicht. Laut Libretto hat dieser Figaro „den Teufel im Leib“, wirkt aber eher, als wäre er, pragmatisiert in des Grafen Diensten, etwas selbstzufrieden und träge geworden. Sowohl in den Liebesbekundungen gegenüber Susanna als auch in der Grobheit gegenüber Cherubino ist der Barbier schaumgebremst. Ganz im Gegensatz zu jener Susanna, die Valentina Naforniţa mit forscher Durchtriebenheit und vokal differenziert auf die Bühne bringt. Schön zu erleben, wie die durchsetzungsfähige Stimme dieser Sängerin weiter an Wandlungsfähigkeit gewinnt.

 

Ein perfekter Mozart aus dem Graben

Frisch im Ensemble ist Miriam Albano, die einen hinreißenden Cherubino gibt, wenngleich ihre Stimme – bei allem Hin- und Hergerissensein des Pagen – etwas mehr Ruhe vertragen würde. Mit produktiver Unruhe wiederum zeichnet Dorothea Röschmann ein berührendes Porträt der Gräfin als Frau, die erleben muss, wie ihre Reize beim Gatten nicht mehr verfangen. Solange Röschmann ihren dramatischen Zugriff durch ihre lyrischen Qualitäten einhegt, geht dieser vokale Grenzgang gut.

Umgarnt wird das Ensemble, aus dem noch Peter Rose als Bartolo herausragt, vom Staatsopernorchester unter Adam Fischer. So elastisch, gleichzeitig feingliedrig und forsch, transparent und warm klingt sein Mozart, dass es eine wahre Freude ist. Mit größter Selbstverständlichkeit bringt dieses eingespielte Team das ganze Raffinement der Partitur ans Licht: Ein klarer Fall von Repertoireluxus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2016)

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