Alexei Volodin, ein Bildhauer am Konzertflügel

Der Pianist beeindruckte im Wiener Konzerthaus mit einem intensiven Shakespeare- und Goethe-Programm.

Alexei Volodin
Alexei Volodin
(c) marcoborggreve.com

Eigentlich ist Alexei Volodin ja Pianist. Wenn der Russe am Konzertflügel sitzt, dann wirkt er aber ebenso sehr wie ein Bildhauer – einer, der akustische Skulpturen aus dem Bösendorfer-Flügel herausmeißelt. Mit kompromisslosem Gestus, ohne Scheu vor einer gewissen Härte, gibt er den Werken klare, glänzende Konturen.

Für seinen Soloabend im merkwürdigerweise nicht einmal vollen Mozartsaal des Wiener Konzerthauses hat Volodin ein von Shakespeare und Goethe inspiriertes Programm russischer Komponisten (plus Mendelssohn) mitgebracht. Speziell zu Rachmaninoff, mit dessen auf Goethes „Faust“ Bezug nehmender erster Sonate er den zweiten Teil bestritten hat, passt sein strukturierter, nüchterner Zugang ganz ausgezeichnet. Klavierbildhauer Volodin schlägt gleichsam das Pathos ab, in dem dieser Komponist so oft ertränkt wird, und legt dadurch, so scheint es, erst das eigentliche Wesen dieser d-Moll-Sonate frei, die man doch zu kennen vermeint hat. Schon der erste Akkord ein Statement, das klarmachen soll: Hier geht es um alles.

Volodin wühlt sich – nicht optisch freilich, er sitzt immer aufrecht, wie um das nötige Maß an Objektivität zu wahren– mit seinen zupackenden Händen regelrecht in den Flügel hinein, entreißt diesem vor allem in den starken mittleren und unteren Lagen Linien von existenzieller Dringlichkeit und Akkordtürme von elementarer Wucht. Vor dieser pianistischen Urgewalt, die die Ecksätze prägt, heben sich die samtig-weichen Passagen und das Farbenspiel des dazwischenliegenden Lento umso stärker ab.

 

Träume und Stürme

Von starken Farbkontrasten geprägt waren auch die zehn Stücke von Prokofieffs „Romeo und Julia“, mit denen Volodin sein Programm eröffnet hat. Im „Tanz des Volkes“ zeichnet er ein buntes Fest nach, man sieht sie fast vor sich, die Gaukler und die Betrunkenen, das chaotische, vielstimmige Treiben. Die Transparenz bewahrt er auch da, wo er einen massiveren Pedaleinsatz anwendet, wie bei „Das Mädchen Julia“. Berührend schlicht schließlich die Abschiedsszene.

Deren Trübnis weiß Volodin allerdings gleich zu vertreiben, mit dem von Rachmaninoff für Klavier bearbeiteten Scherzo aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“ – nur um nach dieser wilden Jagd durch Traumeswirren hart in der Realität von König Lear aufzuschlagen. Grandios, wie Nikolai Medtner die Sturmszene in Töne gebannt hat, eine ideale Vorlage für einen Pianisten, der auf dem Flügel derartige Unwetter wie Volodin entfesseln kann. Das Publikum forderte am Ende drei Zugaben – und bekam sie auch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2016)

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