Wien Modern: Alkoholentzug und viel Zeit

Georg Friedrich Haas stellte im Konzerthaus das Stück „Hyena“ und sein 9. Streichquartett vor.

WEIN & CO Weinfestival - MondoVino erstmals im Wiener Konzerthaus: Weine vor den Vorhang holen!
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Das Wiener Konzerthaus – (c) Wiener Konzerthaus

Jetzt werde der Saal völlig verdunkelt, kündigte Bernhard Günther, Leiter von Wien Modern, an: Jeder solle sich gut überlegen, ob er die 43 Minuten, die das 9. Streichquartett von Georg Friedrich Haas dauert, im Dunkeln aushalten kann, denn dann könne man nur mehr im Notfall den Saal verlassen . . .

Nun, ganz so arg wurde es nicht mit der Dunkelheit. Zwar wurden auch die Notleuchten verdeckt, dennoch sah man bald wieder ein wenig: Unsere Augen sind sehr empfindlich. Was wäre der Schrecken gewesen? Sensorische Deprivation, Entzug der Sinnesreize, kann quälend sein: Unsere Sinnesorgane wollen gefüttert werden, das Hirn braucht Stoff für seine ständige Suche nach Strukturen, räumlichen in den optischen Signalen, zeitlichen in den akustischen. Die Musik von Haas macht es ihm da nicht leicht: Die Schwebungen und Reibungen der Töne und Obertöne, mit denen er spielt, sind reizvoll, erinnern bald an singende Gläser, bald an surrende Gelsen, man findet aber – zumindest beim ersten Hören, und es war ja eine Uraufführung – kaum eine ersichtliche Struktur, kaum eine Entwicklung, die länger durchgehalten scheint. So wurden die 43 Minuten lang, sehr lang.

 

Die Hyäne ist die Sucht

Objektiv ähnlich lang dauerte vor der Pause das Stück „Hyena“, aber es war viel kurzweiliger, einfach weil Haas' Klänge – die dazu abwechslungsreicher waren, weil von einem größeren Ensemble gespielt – hier zu einem gesprochenen Text gesetzt wurden, und Worte füttern das Hirn immer bestens. Noch dazu diese: Mollena Lee Williams-Haas spricht über ihre Alkoholkrankheit, zwar in Alltagssprache, aber mit hoch dramatischem Aufbau und deutlich rhythmisiert. Es ist eine erschreckende Erzählung. Die Hyäne wächst in der Entzugsklinik aus dem Boden und stellt sich als personifizierte Sucht heraus; die Alkoholkranke bekommt Schweißausbrüche und Beulen an den Augenlidern; nach ihrer Entlassung trifft sie das erste Mal in ihrem Leben auf der Straße einen, der ihr Alkohol verkaufen will: Zum Glück, es ist Gin, und den erträgt sie nicht . . .

Ein aufwühlendes Hörspiel, in dem Haas' subtile Dissonanzen eine erstaunliche konventionelle Rolle spielen: Sie untermalen den Stress, den Schrecken, die Spannung. Am Schluss, ganz zart sirrend, auch die keimende Hoffnung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2016)

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