Flórez als bravouröser Hugenotte

Meyerbeer in Wagner-Dimensionen: Die Deutsche Oper wagt sich an eine ungekürzte Version der „Hugenotten“. Es gelingt, Juan Diego Flórez glänzt als Raoul.

Musik von Giacomo Meyerbeer
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Musik von Giacomo Meyerbeer
(c) imago/DRAMA-Berlin.de (imago stock&people)

Im 19. Jahrhundert galt Giacomo Meyerbeer als Großmeister der Grand opéra, im 20. Jahrhundert wurde er weitgehend vergessen: Versuche, seine Werke wieder in die Spielpläne zu integrieren, scheitern meist kläglich. Immerhin versucht die Deutsche Oper Berlin nach 30 Jahren nun zum zweitenmal, „Die Hugenotten“ – einst ein Sensationserfolg – wiederzubeleben.

Der seinerzeitigen poppigen Inszenierung von John Dew (mit etlichen Regietheaterauswüchsen samt Swimmingpool auf der Bühne) folgte nun eine witzige, manchmal grotesk bis zur Karikatur überdrehte Produktion. Regisseur David Alden ging konsequent auf die Meyerbeer'sche Kontrastdramaturgie zwischen den beiden ersten und den restlichen drei Akten ein. Das stimmige Einheitsbühnenbild unterstützt die Kontrastierungen im Handlungsablauf mit einfachen Mitteln schlüssig; die Kostüme sind geschmackvoll.

 

Vier Stunden, aber nicht ermüdend

Diesmal wagt man in Berlin eine ungekürzte Version der Oper, alle Ballette und die ausladenden Chöre inklusive, was eine Spieldauer von über vier Stunden ergibt. Dass das nicht ermüdend wirkte, darf man der kurzweiligen Regie zuschreiben – und dem Publikumsliebling Juan Diego Flórez in der tenoralen Hauptrolle. Der Raoul von Nangis ist für ihn der bislang gewagteste Schritt auf dem Weg in dramatische Sphären. Vor acht Jahren begann der Belcanto-Spezialist, sein Repertoire mit dem Herzog in Verdis „Rigoletto“ auszuweiten. Es folgten die einschlägigen Partien in Rossinis „Guillaume Tell“, Donizettis „Favorite“ und „Lucia di Lammermoor“, Gounods „Roméo et Juliette“ und Massenets „Werther“. Der Raoul wird meist mit „robusteren“ Tenorstimmen assoziiert (Lauri-Volpi in fernerer, Corelli und Gedda in näherer oder Leech und Giordani in unmittelbarer Vergangenheit). Doch Flórez bewältigt auch diese stimmliche Herausforderung in gewohnter Bravour und Spielfreudigkeit, variiert mühelos und je nach Emotionsgehalt Stimmfarbe wie Tongebung. Koloraturen in den Kadenzen gelingen so selbstverständlich wie die strahlenden Spitzentöne. So wurde er zum bejubelten Mittelpunkt des Abends.

Ihm zur Seite steht ein ausgezeichnetes Solistenensemble. Ante Jerkunica wird als Marcel mit herrlich dunklem Bass-Timbre zum religiös fundamentalistischen Gegenpol der Lebensfreude Raouls, Patrizia Ciofi liefert mit sicheren Koloraturen eine köstlich ironische Interpretation der Marguerite von Valois. Olesya Golovneva als Valentine passt mit höhensicherem, klarem Sopran ideal zu Flórez, Derek Welton kontrapunktiert mit breitem Bassbariton als finsterer Graf von Saint-Bris. Aufhorchen lassen auch Chor und Orchester der Deutschen Oper: Michele Mariotti ist vom jungen Pult-Shootingstar zum international gefragten Operndirigenten geworden, ein idealer Begleiter für die Sänger, dessen sichere Tempowahl und Umsicht im Dynamischen niemanden auf der Bühne zum Forcieren zwingen. In die lautstarke Zustimmung des Berliner Publikums mischte sich – diesmal nicht wirklich nachvollziehbar – viel Widerspruch gegen die Regie.

Reprisen mit Juan Diego Flórez am 17., 20., 23. 26. und 29. November. In Wien ist Flórez ab 7. Jänner 2017 wieder zu erleben: in drei Vorstellungen von Bellinis „Sonnambula“ und ab 22. Jänner viermal in Gounods „Roméo et Juliette“ (mit Plácido Domingo am Pult).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2016)

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