Klangbalance im Jahr eins nach Harnoncourt

Concentus musicus und Elisabeth Kulman: Konfrontation der Zeitgenossen Bach und Händel.

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Elisabeth Kulman (Archivbild) – (c) Clemens Fabry

Die Würfel sind gefallen, der Concentus musicus steht im Jahr eins nach dem Tod seines Gründervaters Nikolaus Harnoncourt unter der Leitung des Cembalisten Stefan Gottfried, der seine Leitungsfunktion höchst subtil, ja fast unmerklich ausübt. Sitzt er selbst am Cembalo, gibt er Impulse mittels kräftiger Betonung von Schwerpunkten, suggeriert den Puls der Musik nur in seltensten Fällen dirigierend. So bleibt ausreichend Raum für ein harmonisches Zusammenspiel, es ist für die nötige Präzision gesorgt, doch bleibt die solistische Freiheit der einzelnen Musiker gewahrt.

Im jüngsten Abonnementkonzert im Brahmssaal des Musikvereins gelang diese Balance im letzten Satz des Concerto grosso in d-Moll von Händel virtuos: Dem aufbrausenden Einstieg folgte alsbald ein neckisches Spiel zwischen getragen-langsamen und flotten, kräftigen Staccatopassagen. Diese Dynamik wirkte in der Wiederholung des Satzes, die – Zugabe sei Dank – nicht lange auf sich warten ließ, sogar noch aufregender.

 

Elisabeth Kulmans Beredtheit

Wahrlich fantastisch wurde dieser Abend nicht zuletzt aufgrund der unverwechselbaren Stimme Elisabeth Kulmans. Die Mezzosopranistin, die sich mittlerweile ausschließlich auf das Konzertfach konzentriert, begeisterte das Publikum – und sichtlich auch die Musiker – vor allem in der Arie der Storgè („Scenes of horror“) aus Händels „Jephtha“: Selbst im gehauchten Piano bewies intensiver Ausdruck, wie nah beieinander Musik und Erzählung liegen können, ohne in platten Sprechgesang zu münden.

Nicht minder beachtenswert die Leistungen der Bläser, die insbesondere im ersten Teil des Abends mit Bachs Ouverture Nr. 1 und der Kantate BWV 170 ihre Ausdauer beweisen konnten. In der Arie „Mir ekelt mehr zu leben“ sorgte etwa die Traversflöte mit perlenden, schier endlos scheinenden Tonschleifen für den rhythmischen Kontrast zu Kulmans Gesang.

Einziger Wermutstropfen am Samstagabend: Die für den Hörer kaum ausblendbaren Atemzüge der ersten Violine, die etwa in der Stille vor dem Auftakt zum zarten Andante aus Händels Triosonate in g-Moll die Stimmung vernichten. War auch nach kurzer Zeit die Atmosphäre durch unendliche Sanftheit der Violinklänge wieder hergestellt, wurde sie jählings wieder „fortgeatmet“.

So blieben denn von diesem Konzert vorwiegend die bewegten, intensiveren Stücke in Erinnerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2016)

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