Wiener Staatsoper: Bogdan Roščić wird Direktor

Amtsinhaber Dominique Meyer wird von Plattenboss Bogdan Roščić als Staatsoperndirektor abgelöst. "Ich glaube, wir müssen in die Zukunft blicken", begründet Kulturminister Thomas Drozda die Wahl.

PR�SENTATION DER STAATSOPERNDIREKTION 2020/21: KIRCHER / DROZDA / ROSCIC
PR�SENTATION DER STAATSOPERNDIREKTION 2020/21: KIRCHER / DROZDA / ROSCIC
Der Chef der Bundestheater Holding, Christian Kircher, MinisterThomas Drozda sowie der designierte Staatsoperndirektor ab 2020/21, Bogdan Roscic – (c) APA(HERBERT NEUBAUER)

Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) ist bei der Besetzung der Staatsoperndirektion ein Überraschungscoup gelungen: Musikmanager Bogdan Roščić wird ab 1. September 2020 Nachfolger von Dominique Meyer. Diese Entscheidung präsentierten Drozda und Holding-Chef Christian Kircher am Mittwochvormittag. Roščić , einst Pop-Kritik der "Presse", später Mastermind des ORF-Senders Ö3 und seit 2003 als Leiter des Klassik-Labels von Sony in der CD- und DVD-Branche aktiv, wird die Nachfolge Dominique Meyers antreten.

Die Staatsoper stehe derzeit, so Drozda und Kircher, auf "sehr soliden Beinen". Ein Dank ging an das amtierende Direktionsteam, Meyer/Thomas Platzer (Kaufmännischer Geschäftsführer). Minister Drozda verwies auf die "umfangreiche Führungserfahrung" von Roščić und seine Vernetzung mit den wichtigsten Stars des internationalen Musiklebens. Drozda betonte, dass er mehr Premieren, eine Änderung mit dem Umgang mit dem Repertoire und einen stärkeren Fokus auf jüngeres Publikum wünsche.

Roščić habe eine Vernetzung mit den wichtigsten Sängern und Dirigenten der Welt, die ihresgleichen suche, begründete Drozda seine Entscheidung, deren Tragweite er sich durchaus bewusst sei: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen und die Staatsoper als 'die' Leitinstitution unserer Kulturlandschaft ab dem Jahr 2020 neu positionieren."

"Eine Staatsoper 4.0 kreieren"

So repräsentiere der 52-jährige Plattenboss auch einen Generationenwechsel. "Ich glaube, wir müssen in die Zukunft blicken - und das heißt in keinem Fall Kritik am Status quo", so Drozda. Schließlich stehe die Staatsoper derzeit sehr gut da. Nicht zuletzt habe ihn aber Roščićs Konzept für die inhaltliche Ausrichtung der Staatsoper ab 2020 restlos überzeugt. "Wenn Sie so wollen, geht es auch darum, eine Staatsoper 4.0 zu kreieren."

Bogdan Roščić
Bogdan Roščić
Bogdan Roščić – (c) APA (HERBERT NEUBAUER)

"Die wichtigste Entscheidung in meinem Leben"

Roščić präsentierte seine Zukunftsvisionen unter dem Titel "Vorwärts zu Mahler". Er bekannte, dies sei "die wichtigste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe." Seine neue Aufgabe sei mit einer Verantwortung verbunden, die aus der "Liebe zur Sache" und von der Überzeugung von deren Wichtigkeit gespeist sei.

Die Staatsoper sei heute nicht mehr "einer jener Orte, in denen man sich zentrale Erfahrungen" für das Leben erwarte. Publikum wachse "nicht von selbst nach".

Vergleich mit der Met

Die Entwicklung, die die Pflege der Klassik derzeit weltweit nähme, sei gut an der New Yorker Met zu studieren, diese "größte Opernhaus der Welt, das ein dreimal so hohes Budget wie die Wiener Staatsoper" hätte. Derzeit sei an diesem Haus "jeder zweite Sitz leer". Die Auslastung beim "populären“ Doppelabend "Cavalleria/Bajazzo" hätte nur ein Drittel betragen. "Es wird offiziell nachgedacht über eine Winterpause".

Man könne lernen von dem, was "unter den gnadenlosen Bedingungen in den USA" geschehe. Auch das Publikum der Wiener Staatsoper werde, so Roscic, im Schnitt immer älter. Es sei "jeden Abend das Publikum neu anzusprechen".

Es wäre "gefährlich", zu viel "über das Wie" zu sprechen. Das Publikum von morgen brauche auch Antworten auf die Fragen: Was? und Warum? Solche Antworten können "nur gegeben werden durch Erlebnisse von einer anderen Tiefe als sie die Theaterroutine oft zu bieten hat."

Inspiriert von Mahler

Seine Amtszeit solle inspiriert sein von Gustav Mahlers Grundsätzen, der das Haus 1897 bis 1907 geleitet hat: Kompromisslosigkeit, höchster Ehrgeiz und Kampf gegen jegliche Routine. Die Umsetzung dieser Grundsätze ziehe "organisatorische Maßnahmen nach sich." Er sei "ab in einer Stunde" im Einsatz, um seinen Amtsantritt am 1. September 2020 vorzubereiten.

Zum Repertoirebetrieb sagte der designierte neue Direktor, es gäbe den gesetzlichen Auftrag zur Führung der Staatsoper als Repertoirehaus. Eine "vom Publikum gespürte Verarmung" des Programm-Angebots sei von ihm nicht zu erwarten. Doch möchte er sich "Freiräume zu erkämpfen", um "eine allabendliche Hebung des Niveaus" zu erzielen.

Uraufführungen "als Feigenblatt"

Uraufführungen und Aufführungen neuer Werke würden heute "als Feigenblatt" behandelt, sagte Roščić. Andererseits sei es ein Problem, dass neu gespielte Werke "nach vier Aufführungen im Orkus" verschwinden. "Warum bündeln die Opernhäuser nicht ihre diesbezüglichen Aktvitäten?" fragte er. 

Es gehöre zu seinen Aufgaben, das Opernleben in der Welt zu beobachten. Es geschehe auch an kleineren Opernhäuser Spannendes, das man nicht "aus Metropolenarroganz" übersehen dürfe. Er könne sich auch eine Zusammenarbeit mit wenig bekannten Häusern vorstellen: "Warum sollte man auf die Kreativität von Hunderten Menschen verzichten."

Generalmusikdirektor? "Vielleicht nicht einziger Posten"

Über die Frage, ob es wieder einen musikalischen Chef geben würde, meinte Roščić: Die Staatsoper brauche durchaus einen Spitzenmusiker als Teil des "Thinktanks". Die entsprechende Entscheidung könne nicht vom Zaun gebrochen werden. Es ginge dabei vielleicht "nicht nur um einen einzigen Posten", Mahler hätte über 100 Abende in manchen Spielzeiten selbst geleitet. Das sei heute undenkbar. Es gehe "generell um das Thema Dirigat". Die Staatsoper hätte "da den bedeutendsten Posten der Musikwelt zu vergeben."

Dazu bedürfte es auch der Zuwendung durch einen prägenden Maestro. Ein Beispiel: Riccardo Chailly hätte in Leipzig ein absolutes "Orchesterwunder" zuwege gebracht, weil er "bereit war, sein gesamtes Leben" dieser Position unterzuordnen.

Wille der Komponisten sakrosankt

Musikalische Präzision sei in der Oper "alles". Der Willen der Komponisten sei sakrosankt. Es müssten "Sänger auf der Bühne stehen, ein Dirigent im Graben stehen, die imstande sind, die Vorgaben" präzise umzusetzen.

Er persönlich sei "über die Schallplatte" zur klassischen Musik gekommen. Die Staatsoper kenne er "in ihrem derzeitigen Zustand nicht so gut wie ich möchte". "Ich war aufgrund meiner Verpflichtungen nicht imstande, das Haus genau zu beobachten." Die erste Aufführung, die er 1982 als Student im Hause gesehen habe, sei die damals schon betagte Inszenierung Margarethe Wallmanns von Puccinis "Tosca" gewesen.

18 Bewerber für den Posten

Der Vertrag von Meyer, der bei der Pressekonferenz nicht anwesend war, wird nach zwei Amtszeiten nun also auslaufen. Insgesamt gab es 18 Bewerber für den Posten.

Direktoren der Wiener Staatsoper

Die Direktoren der Wiener Staatsoper seit der Eröffnung im Überblick:

25.05.1869 Eröffnung
01.07.1867 - 18.12.1870 Franz von Dingelstedt
19.12.1870 - 30.04.1875 Johann von Herbeck
01.05.1875 - 18.06.1880 Franz von Jauner
19.06.1880 - 31.12.1880 Regiekollegium Karl Mayerhofer, Gustav
Walter und Emil Scaria
01.01.1881 - 14.10.1897 Wilhelm Jahn
15.10.1897 - 31.12.1907 Gustav Mahler
01.01.1908 - 28.02.1911 Felix Weingartner
01.03.1911 - 14.11.1918 Hans Gregor
15.11.1918 - 15.08.1919 Franz Schalk
16.08.1919 - 31.10.1924 Richard Strauss, Franz Schalk
01.11.1924 - 31.08.1929 Franz Schalk
01.09.1929 - 15.12.1934 Clemens Krauss
01.01.1935 - 31.08.1936 Felix Weingartner
01.09.1936 - 31.08.1940 Erwin Kerber
01.09.1940 - 19.04.1941 Heinrich K. Strohm
01.02.1941 - 19.04.1941 Walter Thomas
20.04.1941 - 28.02.1943 Ernst August Schneider
01.03.1943 - 30.04.1945 Karl Böhm
01.05.1945 - 14.06.1945 Alfred Jerger (Staatsoper in der Volksoper)
18.06.1945 - 31.08.1955 Franz Salmhofer (Staatsoper im Theater an
der Wien)
01.09.1954 - 31.08.1956 Karl Böhm
01.09.1956 - 31.03.1962 Herbert von Karajan
01.04.1962 - 08.06.1963 Herbert von Karajan mit Walter Erich
Schäfer
09.06.1963 - 31.08.1964 Herbert von Karajan mit Egon Hilbert
01.09.1964 - 18.01.1968 Egon Hilbert
19.01.1968 - 31.08.1972 Heinrich Reif-Gintl
01.09.1972 - 31.08.1976 Rudolf Gamsjäger
01.09.1976 - 31.08.1982 Egon Seefehlner
01.09.1982 - 31.08.1984 Lorin Maazel
01.09.1984 - 31.08.1986 Egon Seefehlner
01.09.1986 - 31.08.1991 Claus Helmut Drese
01.09.1991 - 29.03.1992 Eberhard Waechter
01.04.1992 - 31.08.2010 Ioan Holender
01.9.2010 - 31.08.2020 Dominique Meyer
1.09.2020 - Bogdan Roscic

(APA/Red./sin)

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