Neujahrskonzert: Proben mit Gustavo und Julie

Die Kinder des Superar-Streichorchesters spielten mit Dirigent Gustavo Dudamel zwei Neujahrskonzert-Stücke ein. Und Julie Andrews? Die sah dabei zu.

Dirigent Gustavo Dudamel.
Dirigent Gustavo Dudamel.
Dirigent Gustavo Dudamel. – (c) ORF

Und endlich spaziert sie in den Raum. Schauspielerin Julie Andrews, deren Ankommen sich schon wenige Sekunden davor angekündigt hat, weil das unruhige Plappern im Veranstaltungssaal der Ankerbrotfabrik im zehnten Bezirk aufgehört hat. Routiniert schreitet sie in dunkler Stoffhose, einer grauen Jacke und den so typischen kurz geschnittenen blonden Haaren vor den Teleprompter, begrüßt davor freundlich die Crew.

Ihre Stimme klingt viel tiefer als zu Zeiten ihres Vorzeigefilms „Mary Poppins“. „Sie hat eine große Liebe zu ihrem Beruf und eine ganz große Begeisterung“, wird eine Mitarbeiterin des ORF die Zusammenarbeit später kommentieren. Julie Andrews, so viel ist schnell klar, wird alle begeistern. Was in ihrem Fall wohl nicht nur, aber auch mit Routine zu tun hat. Andrews wird heuer zum achten Mal das Neujahrskonzert für die US-TV-Senderkette PBS moderieren. Teile der Aufnahmen wurden am Mittwoch gemacht.

Während Andrews ihre Moderation in die Kamera spricht, ist die Aufregung zwei Stockwerke darunter in der Luft zu spüren. Die Kinder und Jugendlichen des Superar-Streichorchesters haben ihre letzte Probe, bevor sie mit fünf Musikern der Wiener Philharmoniker und dem diesjährigen Neujahrskonzertdirigenten, Gustavo Dudamel, zwei Stücke, eines davon ist der Donauwalzer, aufnehmen. Superar ist ein österreichisches Vorzeigeintegrations- und Jugendförderprojekt der Caritas Wien, des Wiener Konzerthauses und der Wiener Sängerknaben. Benachteiligte Kinder, unabhängig von ihrer Religion, Hautfarbe und Herkunft, werden darin musikalisch gefördert. Vorbild ist der venezolanische El-Sistema-Verein, mit dem Dudamel eine besondere Verbindung hat. In der Kindheit hat ihm der Verein die musikalische Ausbildung ermöglicht. Im Wiener Orchester sind Kinder und Jugendliche aus 28 Ländern vertreten.

Beim Eintreten der Philharmoniker geht ein erfreuter Aufschrei durch den Raum. „Boah“, rufen einige, als der junge, gut aussehende Kontrabassist mit seinem Instrument den Raum betritt. „Mit Kontrabass spielen“, wird die Sprecherin des Chors später erklären, „das kennen die Kinder nicht“.

Das Publikum bei den Proben ist schon stadtbekannt. Staatsoperndirektor Dominque Meyer hat sich ebenso eingefunden wie Gerald Wirth, künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben. „Ich war so glücklich, als die Musiker reingekommen sind“, sagt der 14-jährige Yll, der die Bratsche spielt. Eine halbe Stunde später sitzen alle schon im Aufnahmeraum. „Hello boys and girls“, sagt Julie Andrews, und für einen Moment klingt sie wieder wie in ihrer Paraderolle als Kindermädchen in „Mary Poppins“ und in „Sound of Music“, mit dem sie ein kitschig positives und völlig verklärtes Bild von Österreich im Rest der Welt geprägt hat. Ihre Verbindung zu Österreich war es auch, weshalb sie von PBS gefragt wurde, das Neujahrskonzert zu moderieren. Allerdings wird in Amerika nur der zweite Teil des Konzerts gezeigt, und der nicht ganz, dafür mit Erklärungen Andrews' etwa zur Hermesvilla, in der heuer eine Balletteinlage gedreht wird.

 

Dirigent in Turnschuhen

Weniger später ist dann auch Gustavo Dudamel im Raum. Mehr Popstar als Dirigent kommt er in schwarzen Converse-Schuhen, schwarzer Hose und legerer dunklegrauer Weste. Ganz Südamerikaner umarmt er Dominique Meyer, küsst Andrews (sie kennen einander von früher) auf die Wange und winkt den Kindern zu. „Now you are mine“, schreit er den jungen Musikern zu. Die sind ganz hingerissen von den Scherzen, die er mit ihnen macht. „Das Stakkato, das hört sich noch an, wie eine Henne, die Körner pickt“, sagt er. Und wirklich, aus dem anfangs noch zaghaft gespielten Donauwalzer holt er mit wenigen Anweisungen vollen Klang heraus. „Da zeigt es sich, was einen guten Dirigenten ausmacht“, wird Staatsoperndirektor Meyer später sagen. Der beteuert übrigens, nicht gewusst zu haben, dass Julie Andrews heute hier sei. Als diese den Raum verlässt, schreit ihr ein jungen Mädchen noch nach. „Stay“. Sie hätte gern noch ein Selfie mit ihr gemacht.

Zum Verein

Superar. Der Verein wurde 2009 von der Caritas Wien, dem Wiener Konzerthaus und den Wiener Sängerknaben gegründet. Im Verein werden sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche unabhängig von Religion und Herkunft musikalisch gefördert. Mittlerweile werden 1200 Jugendliche an 16 Standorten in Österreich betreut. Der Verein geht dabei in Schulen, führt aber auch eigene Chöre und Orchester. Beim Neujahrskonzert 2017 führt das Wiener Superar-Streichorchester zwei Stücke auf. www.superar.eu

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2016)

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