Nachruf: Nicolai Gedda, der Stilist unter den Opernstars

Der schwedische Tenor starb 91-jährig in der Schweiz und ließ seinen Tod einen Monat lang geheimhalten.

Nicolai Gedda
Nicolai Gedda
Nicolai Gedda bei einem Konzert in Prag 1967 – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Ein halbes Jahrhundert lang war der schwedisch-russische Tenor Nicolai Gedda einer der führenden Tenöre im internationalen Musikleben. Seinen Namen kannten auch opernferne Kreise, denn Gedda sang mit derselben Hingabe, die er Musik von Mozart oder Tschaikowsky widmete, auch Franz Lehárs "Dein ist mein ganzes Herz". Er war sattelfest in allen Stilen und vor allem: er beherrschte seinen Tenor wie ein hochspezialisierter Techniker sein Handwerk. Unsichere Töne, Phrasen jenseits der Makellosigkeit waren in seinem künstlerischen Konzept nicht vorgesehen. Was dem vokalen Wohlbefinden schaden konnte, wurde vermieden. Wagners "Lohengrin" hat Gedda zwar gesungen und reüssierte triumphal. Doch nach dem Debüt in Stockholm ließ er den Schwanenritter sein, Bayreuth hatte zwar gerufen, doch Gedda winkte rechtzeitig ab.

Klugheit und Instinkt halfen ihm, seine edle, in allen Lagen frei und klar strömende Stimme fast 50 Jahre lang geschmeidig zu halten. Noch mit über 70 lernte er für den jungen Christian Thielemann und Londons Covent Garden Oper eine neue Rolle: den zerbrechlichen alten Abdisu, der im Konzilsakt von Hans Pfitzners "Palestrina" einen kurios-berührenden Auftritt hat. Die Titelpartie dieses Werks hatte Gedda schon ein Vierteljahrhundert früher unter Rafael Kubeliks Leitung im Plattenstudio gesungen.

Dank der frühen Fürsorge des genialischen Walter EMI-Produzenten Legge konnte Gedda von den ersten Momenten der Langspielplatte an seine Kunst dokumentieren. Kaum ein Sänger ist so oft und in so vielen verschiedenen Facetten seiner Kunst auf Tonträgern präsent.

Was immer er sang, interpretierte er mit Geschmack und sicherem Gefühl für die stilistischen Notwendigkeiten. Dass er besonders im französischen Repertoire als unantastbar galt, verdankte sich der raren Kunst der sogenannten "voix mixte", der subtilen Mischung von hoher Brust und Kopfstimme. Dass er frei war von jeglichen sängerischen Eitelkeits-Mätzchen schätzten heikle Dirigenten wie Herbert von Karajan, der Gedda für geistliche Musik (Beethovens "Missa solemnis" oder Bachs h-Moll-Messe) ebenso wie für die "Fledermaus" oder den Pinkerton in Puccinis "Madame Butterfly", für die man gemeinsam mit der Callas ins Studio ging. Die Callas wagte sich an Geddas Seite unter der Leitung des stürmischen Georges Pretre auch an die "Carmen".

Nicolai Gedda in Stockholm 2001
Nicolai Gedda in Stockholm 2001
Nicolai Gedda in Stockholm 2001 – (c) APA/AFP/TT NEWS AGENCY/JANERIK H (JANERIK HENRIKSSON)

Karajan hatte Gedda auch an die Wiener Staatsoper geholt, wo er von Mozart bis Gounod und Verdi seine Bandbreite demonstrierte; doch leider nur selten gastierte, zuletzt war er die Premierenbesetzung in Otto Schenks "Traviata"-Produktion von 1971, seine Mitwirkung an Jean Pierre Ponnelles Neuinszenierung von Massenets "Manon" hingegen sagte er kurzfristig ab. Nach 1972 stand Gedda nur noch ein einziges Mal, als Riccardo in Verdis "Maskenball" auf der Bühne des Hauses am Ring. Als Liedsänger kehrte er allerdings bis zum Jahr 2001 immer wieder, immens sein Repertoire auch hier, Beethoven, Richard Strauss und immer wieder russische Meister, an denen das Herz des russischstämmigen Künstlers besonders hing. 

Am 8. Jänner ist Nicolai Gedda in seinem schweizerischen Heim ruhig eingeschlafen. Er war 91 Jahre alt und erbat sich von seiner Familie, diese Meldung erst ein Monat später bekannt zu machen. Dezent, wie er es sein Leben lang gehalten hatte. 

ORF-Programmänderung

Der ORF ändert sein Programm in memoriam Nicolai Gedda:

Michael Beyers Film "Ritter des hohen D – Der Tenor Nicolai Gedda", der den schwedischen Tenor russischer Abstammung porträtiert, steht am Sonntag, dem 12. Februar 2017, im Rahmen der "matinee" um 9.35 Uhr in ORF 2 sowie um 19.15 Uhr auf dem Programm von ORF III.

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