Jubel für Stephen Gould als Otello

Nach Langem sang der US-Tenor wieder die hochdramatische Verdi-Partie. In der Semperoper begeisterte auch Christian Thielemann mit einer introvertierten Interpretation.

Überzeugend: Stephen Gould als Otello (rechts), hier mit Andrzej Dobber als Jago.
Überzeugend: Stephen Gould als Otello (rechts), hier mit Andrzej Dobber als Jago.
Überzeugend: Stephen Gould als Otello (rechts), hier mit Andrzej Dobber als Jago. – (c) Semperoper Dresden/Forster

Keine Frage: Im Mittelpunkt dieses Premierenabends stand Stephen Gould. Er hatte nach seinem Jung-Siegfried-Triumph im Vormonat recht kurzfristig für Peter Seiffert die Titelpartie übernommen, und zwar nach etlichen Jahren der Otello-Abstinenz. In der Semperoper wurde die Premiere der Übernahme von den Salzburger Osterfestspielen für ihn zum großen persönlichen Erfolg. Warmes baritonales Timbre in Tiefe und Mittellage, strahlende offene metallische Höhen und glaubhafte Darstellung kennzeichnen seinen Otello, kleine Irritationen bei den gefürchteten Aufschreien im Mittelakt sieht man ihm gern nach. Die gewiss selbst auferlegte Abstinenz von dieser Partie gehört nun hoffentlich der Vergangenheit an: Er hat sich mit dieser Leistung an die Spitze der kleinen Schar zeitgenössischer Otello-Darsteller katapultiert.

Die Desdemona des Abends, Dorothea Röschmann, konnte mit ihrem gereiften lyrischen Sopran im „Weidenlied“ und dem „Ave Maria“ im letzten Akt voll überzeugen. Davor waren – besonders bei dramatischen Spitzentönen – vereinzelte Stimmschärfen nicht zu überhören. Andrzej Dobbers Jago wirkte dagegen, wiewohl mit sicherer Stimme, eher routiniert. Dass er der Motor der unausweichlichen Tragödie sein sollte, wurde nicht wirklich deutlich. Luxuriös wirkt es dagegen, wenn großkalibrige Stimmen in kleineren Partien erscheinen, Georg Zeppenfeld als Lodovico und Christa Mayer als Emilia. Solid das restliche Sängerensemble mit Antonio Poli (Cassio), Robin Yujoong Kim (Rodrigo), Martin-Jan Nijhof (Montano) und Alexandros Stavrakakis (Herold).

Die Inszenierung von Vincent Boussard stand schon im Vorjahr im Salzburger Festspielhaus im Zentrum heftiger Diskussionen, vor allem aufgrund der irritierenden Dominanz eines permanent präsenten schwarzgefiederten Engels (Sofia Pintzou). Hingegen gelang die Komprimierung von Vincent Lemaires schlichtem Bühnenbild auf die kleinere Bühne der Semperoper stimmig, einzig Isabel Robsons Videoprojektionen wirkten dadurch übermächtig. Die edlen Kostüme von Stardesigner Christian Lacroix, besonders jene des Chors, waren in ihrer vollen Pracht und Schönheit erst beim Schlussapplaus zu bewundern.

„Tutta Forza“ fordert Verdi am Höhepunkt des stürmischen Beginns seines Dramas: Christian Thielemann ließ sich nicht lang bitten, wechselte mit seiner Staatskapelle nach dem Gewittersturm allerdings zu einer ungewöhnlich introvertierten Interpretation des Werks. Der Maestro kommt an diesem Abend beinahe vollständig ohne seine viel gerühmte Rubato-Kunst aus. So nimmt man zum Beispiel in den großen Ensembles des dritten Akts mehr Erschütterung als drängende Unsicherheit wahr – ein völlig neues Hörgefühl, fokussiert auf Tristesse, Melancholie, Todesahnung, die sich aus Verdis Partitur tatsächlich beinah von Takt zu Takt heraushören lassen.

Thielemann und sein Orchester standen neben Stephen Gould denn auch im Zentrum des Beifalls, für das Leading Team verteilte das Dresdner Publikum Zustimmung und Ablehnung paritätisch.

Reprisen in der Premierenbesetzung: noch am 1. und 5. März. Drei weitere Aufführungen mit John Fiore am Pult, Peter Seiffert in der Titelrolle, Dorothea Röschmann und George Petean sind für 11., 13. und 28. Mai geplant.

Stephen Gould wird in Wien am 12., 15. und 19. März als Tristan zu hören und sehen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2017)

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