Die tiefer gelegten Leiden des Werther

KritikLudovic Tézier, zuletzt als Luna im „Trovatore“ gefeiert, ist in der Staatsoper wieder als Bariton-Werther zu erleben.

(c) Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Tenor oder Bariton – oder beides? Jonas Kaufmann hat jüngst alle zwei Partien in Mahlers „Lied von der Erde“ aufgenommen: ein kühnes, vielleicht gegen die Werkdramaturgie gerichtetes Unterfangen. Bei „Werther“ liegt der Fall anders: Massenet selbst hat die tenorale Titelrolle 1902 für Bariton umgearbeitet, das heißt, einzelne Töne und Phrasen tiefer gelegt und verändert. Er tat es Mattia Battistini zuliebe, dem „König der Baritone“, und zu seiner eigenen Freude, denn die vokale Charakterisierungskunst des Italieners gilt bis heute als überragend. In seiner Aufnahme etwa der „Ossian-Arie“ ist ein geschmeidig schimmernder Bariton dokumentiert, der im Geschmack seiner Zeit mit Portamenti, Rubati und Pianokultur betört: eine Lektion im alten, vom Verismo noch unbeschadeten Gesangsstil.

Zugleich erfährt man, dass selbst bei Battistini der Werther an jugendlichem Überschwang einbüßt und etwas gewinnt, was man Abgeklärtheit nennen könnte, widerspäche es nicht dem Charakter der Rolle. Das ist doppelt zu bedenken, wenn Bariton Ludovic Tézier, der an der Staatsoper auch schon den Albert gesungen hat, nun dort erneut den Werther gibt: Immerhin klingt er um einige Grade dunkler, körniger, robuster als weiland Battistini – und wirkt äußerlich noch dazu gesetzt.

 

Intensiv: Sophie Koch als Charlotte

Flatternde Tenornerven, manchmal der Darstellung zuträglich, müssen da fehlen. Aber Tézier findet in den gegebenen Grenzen zu einem eigenen Werther. Dieser ist weder ein Jugendlicher, der eine Kurzschlusshandlung setzt, noch ein psychisch Kranker, sondern ein Liebender, der gleichsam logisch seinen Todeswunsch herleitet. Die Leidenschaften branden dennoch auf, zumal sie Frédéric Chaslin vom Pult aus anheizt. Nicht alles gelingt da perfekt, doch zumal die Holzbläser und ersten Streicherpulte finden auch immer wieder zu feinsinnigen Kammermusikstellen zusammen. Sophie Koch ist erneut eine zwischen Gefühl und Pflicht, Flirtlust und Hingabe glaubwürdig zerrissene Charlotte, in deren Gesang an den intensivsten Stellen Wohllaut und Schmerz gerade noch eins werden. Adrian Eröd kehrt in Andrei Serbans Regie wieder die dunklen Seiten des scheinbar so braven Albert hervor, und Maria Nazarova gibt erstmals mit blitzsauberem Sopran einen quecksilbrig-aparten Backfisch von Sophie: große Begeisterung.

Noch am 28. und 31. 3. (mit Livestream), 3. 4., 19 Uhr. www.wiener-staatsoper.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2017)

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