Jugendliche Virtuosität & Mahler-Offenbarung

Kritik Gipfeltreffen: Martha Argerich und Daniel Barenboim am philharmonischen Wochenende.

Martha Argerich und Daniel Barenboim
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Martha Argerich und Daniel Barenboim
Martha Argerich und Daniel Barenboim – APA/AFP/ALEJANDRO PAGNI

Das waren in Wahrheit zwei Musikvereinskonzerte. Das eine: Martha Argerich musizierte mit den Philharmonikern eines der pianistischen Schlachtrösser ihrer Jugend, Liszts Es-Dur-Konzert – und sie hat sich ihre virtuose Meisterschaft und interpretatorisch zupackende Frische vollständig erhalten. Ihrem Spiel fehlt es nach wie vor nicht an Kraft, schon gar nicht an der nötigen Eloquenz, um aus einer vielfach eindimensional bombastisch aufgeblasenen Partitur nebst heftig aufrauschendem Oktavendonner auch feinste kammermusikalische Nuancen, Spielwitz und zarte Lyrismen hervorzuzaubern.

Dank Daniel Barenboims Einfühlungsvermögen gingen die Philharmoniker da vom wagnerisch-dramatischen Beginn weg in allen Phasen willig mit. Das vielfach verlästerte Triangel-Solo hatte in dieser fein differenzierten Deutung ganz selbstverständlich seinen Platz wie manche Bläser- und Streichersoli, die den Gegenpol zu den von Liszt auch geforderten pathetischen Partien bildeten.

Dem hochromantischen Spiel antworteten Argerich und Barenboim mit einer vierhändigen Bizet-Petitesse, mit der Konzert Nummer eins verschmitzt ausklang.


Rätsel der Sphinx. Nach der Pause eine andere Welt: Mahlers Siebente Symphonie, auch in einer Zeit, in der die internationalen Konzert-Spielpläne längst von Werken dieses Komponisten dominiert werden, eine Rarität. Denn dieses Stück ist zerklüftet, inhaltlich wie dramaturgisch scheinbar völlig disparat, für Hörer wie Interpreten ein Rätselspiel geblieben.

Barenboim, der spät zu Mahler gefunden hat, hegt offenbar für diese symphonische Sphinx eine besondere Vorliebe. Schon vor einiger Zeit lieferte er eine durchdachte, klug disponierte, also überraschend eingängig erzählte Version mit seinem Berliner Orchester. Nun setzte er die Siebente aufs Wiener philharmonische Abonnementprogramm – und das war eine Offenbarung, eine der ganz großen Mahler-Erfahrungen, wie sie ein Musikfreund nur ein paar Mal in seinem Leben machen darf.

Was Tempodramaturgie – in den heikel auszubalancierenden Ecksätzen – und klangliche Schattierungskunst betrifft, hat Barenboim eine Sicherheit und Gestaltungskraft erreicht, die staunen macht, die vor allem aber die Philharmoniker zu einer technischen und emotionalen Höchstleistung anspornt, die im rasanten Scherzo im Zentrum des Werks ihren atemberaubenden Höhepunkt erreicht: In Blitzesschnelle prallen da die gegensätzlichsten Klänge und Spielweisen aufeinander, ein geniales Chaos, das aber doch Methode hat: Der Dirigent als Hexenmeister zieht die Fäden.

Auch die jähen Wechsel, die in der ersten der beiden „Nachtmusiken“ Dur und Moll, verquere Harmonien gegeneinander ausspielen, scheinen in dieser Wiedergabe präzise ausgefeilt – und doch herrscht bei aller Genauigkeit der Geist überschäumend inspirierter Improvisation. Mahlers Moderne hat dann mehr von Strawinskys Petruschka-Jahrmarktstreiben als von den Experimenten der Schönberg-Schule: Das Publikum hält den Atem an und jubelt dann kräftig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2017)

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