Wien modern: Die Antwort der Geige auf das Tonband

Kritik Ausgeklügelte Verflechtung von Solovioline und Elektronik: Gidon Kremer spielte ein für ihn maßgeschneidertes Werk von Luigi Nono. Mit der Chaconne aus Bachs d-Moll-Partita überzeugte er weniger.

Gidon Kremer
Schließen
Gidon Kremer
Gidon Kremer – (c) imago/Rudolf Gigler (imago stock&people)

Das Übliche, gar Routinierte war nie Gidon Kremers Sache. Schon während seiner Studienzeit bei David Oistrach fiel er durch Eigenwilligkeit auf. Und die bezog sich nicht allein auf seinen Ton. Wie alle großen Lehrer ließ ihn Oistrach nicht nur gewähren, sondern unterstützte seine Persönlichkeit, legte damit einen wesentlichen Grundstein für die internationale Karriere des bald in den Geigerolymp aufgestiegenen Virtuosen.

Er machte bald nicht nur durch unkonventionelle Darstellungen gängiger Literatur von sich reden, sondern mindestens ebenso als Anwalt der Moderne, vor allem durch gezielte Förderung von zeitgenössischen Komponisten. Was manche von diesen zu neuen, für Kremer geschriebenen Werken inspirierte. So Luigi Nono zu einer Madrigalreihe für Violine und ein 8-Spur-Tonband namens „La lontananza nostalgica utopica futura“.

„Freundin und Verzweifelte in fortwährender Unruhe“ sei ihm die „nostalgisch-utopische Ferne“, so leitet Nono seine Erklärung dieses 45-Minuten-Stücks ein, das vor allem eines verlangt: auf jegliche Zeitbegriffe zu verzichten, sich dafür ganz auf sich fortwährend verändernde Klangwelten einzulassen. Auf eine alte Formen und neue Klänge verbindende Meditation, bei der Sologeige und Tonbandklänge zu einer durch unterschiedliche Anläufe geprägten intimen wie subtilen Korrespondenz finden.

 

Klavierstockerl neben dem Mischpult

Dabei spielt auch die räumliche Dimension eine Rolle, wie Kremer an diesem Abend im Mozartsaal des Konzerthauses demonstrierte. Das zeigte sich schon an der Gestaltung des Podiums, das mit mehreren Notenpulten – einzelnen und zu zwei zusammen geschobenen – bestückt war. Aber auch dem in der Saalmitte platzierten Mischpult, das von Vilius Keras, der für die Klangregie sorgte, bedient wurde. Daneben ein Klavierstockerl. Auf ihm nahm Kremer Platz, um von dort aus seine Reise durch Nonos komplexe Musikwelt zu beginnen. Allerdings nur für wenige Minuten, denn bald stand er auf, ging spielend, dabei immer wieder auf die Töne des Tonbandes hörend und sie quasi beantwortend, in Richtung Podium, um von den auf den Pulten liegenden Noten das Stück – besser: die einzelnen Madrigale – weiterzuspielen. Eine Herausforderung nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für die Hörer. Nur dann, wenn man sich auf diesen Mikrokosmos konzentriert, erkennt man, wie differenziert Nono in diesem ungewöhnlichen Stück die Klänge miteinander verflochten, wie ausgeklügelt er dieses Miteinander von Solovioline und Elektronik konzipiert hat. Muss man noch extra betonen, dass es beim Widmungsträger Gidon Kremer und seinem Tontechniker in den besten Händen war?

Weit weniger überzeugend fiel der Beginn dieses vom Publikum gestürmten Konzerts – oder sollte man besser sagen: dieser Performance? – aus. Bei der berühmten Chaconne aus Bachs d-Moll-Partita für Violine solo zeigte sich zu deutlich, dass Kremer nicht mehr allen geigerischen Anforderungen in dem Maß gewachsen ist, für das er vor Jahren zurecht gerühmt wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Wien modern: Die Antwort der Geige auf das Tonband

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.