Mozart in MeToo-Zeiten: ein quirliger „Figaro“

Kritik Mit der neu arrangierten „Hochzeit des Figaro“ ist dem Sommerfestival Kittsee ein kleiner Coup gelungen.

Souverän: Nathalie Peña-Comas als Gräfin Almaviva, Slaven Abazovic als Graf.
Souverän: Nathalie Peña-Comas als Gräfin Almaviva, Slaven Abazovic als Graf.
Souverän: Nathalie Peña-Comas als Gräfin Almaviva, Slaven Abazovic als Graf. – (c) Richard Schuster

Das Schloss Kittsee als Opernkulisse: Das wird bei den Reprisen gewiss zauberhaften Effekt machen. Am Premierenabend erzwang starker Regen leider die Übersiedlung in die Parkhalle von Kittsee. Auch dort ist die historische Kulisse zu sehen: auf einem Riesenposter, vor dem die Regie von Dominik Am Zehnhoff-Söns mit nur wenigen, aber gekonnt eingesetzten Bühnenutensilien auskommt. Auch die in dieser Mehrzweckhalle postierten Turngeräte konnten die Theaterlust des jungen, internationalen Ensembles nicht trüben . . .

Das Neu-Arrangement des „Figaro“, in dem die Rezitative großteils durch deutschsprachige Dialoge und eine lockere Moderation ersetzt wurden, taugt durchaus zur unterhaltsamen Einführung in die Opernwelt. Der Wegfall der Secco-Rezitative, die auch von manchen Musikfreunden als Bremsfaktoren empfunden werden, bringt unmittelbare theatralische Wirkung, die noch kabarettistisch durch Tagesaktualitäten verstärkt wird – dass sich bei einem Stück, das sich um das feudale „Ius primae noctis“ dreht, „Me-Too“-Pointen aufdrängen, versteht sich.

Dass jede Pointe auch wirklich ankommt, dafür sorgt die Neufassung der deutschen Dialoge in Verbindung mit der hinzuerfundenen Rolle eines Erzählers (Johannes Glück). Während die Arien und Ensembles im originalen Italienisch gesungen werden, bieten die Zwischentexte jenen deftigen Humor, der den Opern von Mozart/da Ponte durchwegs auch eigen ist, sich aber meist nur Musikfreunden erschließt, die gut genug Italienisch können, um die vielen Anspielungen und Doppelsinnigkeiten zu verstehen.

Eine solche Adaption einer Opera buffa in Singspiel-Manier scheint im übrigen durchaus legitim: Mozart selbst hat etwa seine „Finta giardiniera“ zur – in deutschsprachigen Landen – lange Zeit populären „Gärtnerin aus Liebe“ umgeformt, ohne die orchesterbegleiteten Nummern zu verändern.

Gesungen und gespielt wird mit höchstem Animo. Als Figaro überzeugte Ivan Zinoviev, der (wie der unvergessliche Dmitri Hvorostovsky) aus Krasnojarsk stammt und im November an der Wiener Kammeroper in Verdis „Don Carlo“ den Großinquisitor singen wird. Er ließ sein homogenes, leicht metallisches Timbre klar und immer in eleganter Linienführung strömen. Celia Sotomayor ist eine routinierte Susanna mit Mezzo-Qualitäten, Slaven Abazovic blieb als Graf Almaviva all ihren Finten und Überlistungen gegenüber souverän und wusste sein etwas härteres Timbre im rechten Moment immer zu zügeln. Nathalie Peña-Comas modelliert mit sicher und instrumental geführtem Sopran mehr die gedemütigte als die selbstbewusste Gräfin Almaviva und wird dadurch zu einem Ruhepol im quirligen Ensemble.

 

Idealer Cherubino

Ghazal Kazemi als Cherubino entzückt im Wechselspiel zwischen durchtriebenem Verführer und noch völlig unschuldigem Buben. Ihr schlank und sicher geführter Mezzosopran passte ideal zur raffiniert-vielschichtigen Darstellung.

Joji Hattori, musikalischer Leiter des Festivals, war am Pult des Festivalorchester Kitsee der behutsame Begleiter und vermied trotz der ungünstigen seitlichen Postierung des Orchesters allzu viele Diskrepanzen mit den Sängern. Kürzungen (denen leider auch die Arie des Figaro im vierten Akt zum Opfer fiel) waren auf Grund der doch längeren Kabarett-Intermezzi nötig, um eine Überlänge zu vermeiden. Freundlicher Applaus für alle.

Weitere Vorstellungen: 13., 14., 20. und 21. Juli.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2018)

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