Mörbisch: So kann man Operette spielen

Erfolgreich begann Peter Edelmanns erste Saison als Intendant der Seefestspiele: Die Premiere von Kálmáns „Gräfin Mariza“ geriet spektakulär.

Eine Gräfin Mariza aus Litauen: Vida Miknevičiūtė überzeugte nicht nur darstellerisch, sondern auch mit einem sicher geführten, strahlenden Sopran.
Eine Gräfin Mariza aus Litauen: Vida Miknevičiūtė überzeugte nicht nur darstellerisch, sondern auch mit einem sicher geführten, strahlenden Sopran.
Eine Gräfin Mariza aus Litauen: Vida Miknevičiūtė überzeugte nicht nur darstellerisch, sondern auch mit einem sicher geführten, strahlenden Sopran. – (C) Seefestspiele/Jerzy Bin

Man könne Operetten nicht mehr so spielen, wie sie geschrieben sind: Mit diesem Vorurteil räumt diese Inszenierung von Kálmáns „Gräfin Mariza“ auf: Regisseur Karl Absenger verzichtet auf jegliche Uminterpretationen oder Zeitreisen. Er spart auch nicht mit ungarischem Lokalkolorit, und die Choreografie Johanna Bodorss sorgt im Verein mit den Kostümen von Karin Fritz dafür, dass „Gräfin Mariza“ in Mörbisch aussieht wie „Gräfin Mariza“.

Und weil feurige Csárdás-Rhythmen und melancholische Zigeunerklänge das emotionale Auf und Ab der Beziehung zwischen Mariza und Tassilo symbolisieren, haben Absenger und sein Bühnenbildner Manfred Waba das Instrument des Zigeunerprimas zum Sinnbild für die Geschichte erklärt: Eine Geige – laut Werbetext die „größte Geige auf der größten Operettenbühne der Welt“ – bildet das Zentrum der Bühne. Der erste (falsche) Eindruck: Wieder einmal herrscht auf einer Seebühne der Monumentalismus als Selbstzweck. Doch sobald sich die Mammut-Violine öffnet und in einen pompösen Salon verwandelt, entfaltet sich das Spiel natürlich und gerade deshalb mit höchstem theatralischen Effekt.

 

Viel Applaus für Christoph Filler

Aus Litauen stammt die Mörbischer Titelheldin: Vida Miknevičiūtė überzeugte nach anfänglicher Nervosität nicht nur darstellerisch, sondern mit einem sicher geführten, strahlenden Sopran. Ihr zur Seite der Wiener Bariton Christoph Filler, dessen eleganter, schön timbrierter Bariton mit den Anforderungen Kálmáns keinerlei gesangliche Probleme hat. Er kann sich voll auf die komödiantische Komponente des Barons Kolomán Zsupán konzentrieren und erntet damit beim Publikum größte Sympathie – und lebhaften Applaus. Ebenfalls aus Wien stammt der Graf Tassilo: Roman Payer gibt ihn nobel, doch voll Emotion, wobei die klangvolle baritonale Mittellage auf massive Ausflüge ins tenorale Mittelfach schließen lässt.

Der israelische Sopran Rinnat Moriah ist die liebreizende, dabei aber unaufdringliche Lisa. Sie singt mit schlanker, doch tragender Stimme, ganz unangestrengt und ohne jede Schärfe auch in den höchsten Sopranregionen. Der Wiener Bassbariton Horst Lamnek trumpft als Fürst Populescu mit souveränen Basstönen und ansteckender Spielfreude auf. Für das Komiker-Paar des Schlussaktes, die Fürstin Bozena und ihr Kammerdiener Penizek, kamen zwei Publikumslieblinge zum Zug: Melanie Holliday und Franz Suhrada sorgten für eine schwungvolle Pointen-Parade vor dem Happy End. Die Nebenrollen sind mit Julian Looman als Karl Stefan Liebenberg, Peter Horak als Tschekko, Mila Janevska als Manja, Verena Te Best als Ilka von Dambössy tadellos besetzt. Und weil die Geige den Mittelpunkt der Produktion bildete, durfte natürlich ein Zigeunerprimas auf der Bühne nicht fehlen: Ondrej Janoska verstärkte das Zigeuner-Klischee bei jeder sich bietenden Möglichkeit. Guido Mancusi am Pult des Festival Orchesters Mörbisch verstand es, die breiten Melodiebögen in Kálmáns Musik süffig zu zelebrieren. Das ließ manch kleine Unstimmigkeit vergessen, wenn auch manche der einschmeichelnden melodischen Stimmungsbilder durch die suboptimale Verstärkung auf der Strecke blieben.

Die notorische Premieren-Nervosität verging diesmal rasch und wich einem gelungenen Operettenabend der alten Schule, dem das spektakulär präsente Festivalballett hie und da zündenden Tanzrevue-Charakter verlieh; auch das ein willkommenes Déjà-vu-Erlebnis, wie es das Publikum sichtlich goutiert. Anhänger des modischen Regisseurstheaters verlaufen sich vermutlich ohnehin nicht nach Mörbisch . . .

Weitere Aufführungen: bis 25. August, jeweils Do, Fr, Sa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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