Boston Symphony, schlicht bravourös

Musikverein. Ein rundum großer Abend: Das US-amerikanische Orchester unter Andris Nelsons brillierte mit Bernstein und Schostakowitschs herausfordernder Vierter.

Andris Nelsons.
Andris Nelsons.
Andris Nelsons. – (c) APA/EPA/JAN WOITAS (JAN WOITAS)

War es das Programm, oder hatte man sich besser auf den Saal eingestellt? Was der erste Gastspielabend des Boston Symphony Orchestra, mit Mahlers Dritter, an Versprechen offenließ, löste der zweite jedenfalls in höchstem Maße ein. Da stimmte einfach alles, die Musiker zeigten sich von ihrer besten Seite, auch ihr Musikdirektor, Andris Nelsons, konnte seine Vorzüge ausspielen.

Zumindest was den zweiten Teil dieses ausführlichen Abends im Goldenen Saal anlangt, war das nicht überraschend. Erst kürzlich ist im Rahmen der auf einige Jahre verteilten Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Symphonien mit Nelsons und Boston Symphony die Vierte herausgekommen.

 

Musterhafter Schostakowitsch

Eine mustergültige Darstellung, von der man annehmen darf, dass sie gleich bei den ersten Einspielungen der Edition mit mehreren Schallplattenpreisen bedacht werden wird. Tatsächlich gibt es, von Mariss Jansons und Bernard Haitink abgesehen, kaum einen Dirigenten, der sich so auf die charakteristische Klang- und Gefühlswelt von Schostakowitsch versteht wie Bostons Chefdirigent. Da sitzt jedes Tempo, da wird natürlich artikuliert und phrasiert, Steigerungen erstehen selbstverständlich, die unterschiedlichen Atmosphären werden zu einem nie an Spannung und Energie verlierenden, aufregenden Kaleidoskop verbunden.

Das ist bei der Vierten besonders herausfordernd, die von Schostakowitschs Angst vor dem brutalen kommunistischen russischen Regime in beinahe jeder Phase des Geschehens bewegend zeugt. Denn der Komponist versteckt seine Botschaft hinter zahlreichen melodischen und rhythmischen Details, die er zudem in komplexe Formen einbettet.

Begonnen hatte das Boston Symphony Orchestra seinen zweiten Wiener Abend mit einem ebenfalls alles andere als eingängigen Werk, das auch als Hommage an einen der diesjährigen Jahresregenten gedacht war. Leonard Bernsteins Serenade nach Platons „Symposion“ für Solovioline und Orchester. Sie stellt den Versuch dar, die Ideenwelt antiker griechischer Philosophen mit lustvoller tänzerischer Attitüde, mitreißender Virtuosität, aber auch gedankenvoller Kontrapunktik in fünf kunstvoll miteinander verknüpften Sätzen abzuhandeln.

 

Ungewöhnliche Serenade

Gewidmet hat Bernstein das ungewöhnliche Opus einem seiner Förderer, Serge Kussewitzki, zugleich einer der großen Chefdirigenten von Boston Symphony. Uraufgeführt hat er es mit dem Israel Philharmonic Orchestra und Isaac Stern als Solisten. Später hat er dieses Werk mit Gidon Kremer eingespielt. Die bravouröse Aufführung der Bostoner mit der glanzvolle Kantilenen und zündende Brillanz bietenden Solistin Baiba Skride stand dem um nichts nach. Ein in jeder Beziehung großer Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2018)

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