„Peer Gynt“ als Ballett: Taumeln im Irrgarten

Kritik Zweite Aufführungsserie der im Jänner erstaufgeführten Ibsen-Vertanzung von Edwar Clug.

Edward Clug bringt das Kunststück zuwege, einen Abend lang Musik von Edvard Grieg spielen zu lassen, ohne dass auch nur einen Moment lang Wunschkonzert-Träumerei aufkommen könnte.
Edward Clug bringt das Kunststück zuwege, einen Abend lang Musik von Edvard Grieg spielen zu lassen, ohne dass auch nur einen Moment lang Wunschkonzert-Träumerei aufkommen könnte.
Edward Clug bringt das Kunststück zuwege, einen Abend lang Musik von Edvard Grieg spielen zu lassen, ohne dass auch nur einen Moment lang Wunschkonzert-Träumerei aufkommen könnte. – (c) Clemens Fabry

Die Selbstfindungsfahrt von Henrik Ibsens nordischer Faust-Gestalt als Tanzstück: Tanzend, taumelnd, fallend, kriechend erkundet die Staatsballett-Compagnie im Haus am Ring in knapp zwei Stunden die Seelenpfade des Peer Gynt.

Edward Clug bringt das Kunststück zuwege, einen Abend lang Musik von Edvard Grieg spielen zu lassen, ohne dass auch nur einen Moment lang Wunschkonzert-Träumerei aufkommen könnte. Das liegt auch an der unverzärtelten Gangart, die Dirigent Simon Hewett und die Pianistin Shino Takizawa wählen. Da kommen vor allem die herben Aspekte dieser Musik ins Spiel.

Dazu passt die von Erinnerungen an den Spitzentanz bis zu brutalen Faustkämpfen aufgefächerte Bewegungsregie Clugs, die es dem Titelhelden, Jakob Feyferlik, ermöglicht, die Spannweite von jugendlich unbeschwertem Draufgängertum bis zur Leere einer zerstörten Persönlichkeit in der Irrenhaus-Zwangsjacke ausdrucksvoll nachzuzeichnen.

Wobei schon die vertrackte Beziehung zum Elternhaus das Wort unbeschwert relativiert: Aase stirbt in den Armen ihres Sohnes nach einem mütterlichen Züchtigungsritual. Vom Pfad der desillusionierenden Welterkundung bringt Peer Gynt das nicht ab. Er hat Lust auf bösen Taten wie den Brautraub – wobei die Ingrid der Ioanna Avraam tatsächlich erst in seinen Armen zu prallem Leben zu erwachen scheint. Er ist fasziniert von den spielerisch-neckischen Umgarnungen durch die „Frau in Grün“ (Nikisha Fogo) und den stilisierten Tempeltänzen der gymnastisch-beweglichen Anitra (Céline Janou Weder). Mit fliegenden Teppichen gewinnt die Aufführung dabei sogar amüsante Aspekte.

Die Auftritte des Todes (Eno Peci) und der visionären Erscheinung des Hirschen (Zsolt Török) ziehen sie rasch wieder auf den Boden der desaströsen Tatsachen – und manchmal auch darunter. Edward Clugs raffiniertes Bewegungskonzept, das viele fallende, schwere Figuren einbezieht, erweckt manchmal die Illusion, die tänzerische Linienführung finde halb ober-, halb unterirdisch statt. Wiens Corps de ballet realisiert auch das so effektsicher wie die chthonischen norwegischen Springtänze, aus deren Dynamik sich das Stück zu entwickeln scheint. Nur mit Alice Firenzes zart besaiteter Solveig kommt wirklich menschliche Wärme ins Spiel: Sie empfängt als nordische Penelope ihren Geliebten nach zermürbender Fahrt mit wohliger Zärtlichkeit.

Reprise: 10. Dezember

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2018)

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