Grigory Sokolov: Hauptsache Bagatellen!

Kritik Im Konzerthaus spielte der Pianist Schubert und Beethoven – in einer ausgeklügelten Dramaturgie.

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Themenbild: Wiener Konzerthaus – (c) Wiener Konzerthaus (Wiener Konzerthaus)

Den Unterschied zu vielen anderen Pianisten möchte man Klavier spielen können: diese Klangvielfalt, dieser Nuancenreichtum, diese samtene Subtilität, mit der Grigory Sokolov Beethovens Akkorde ausbalanciert, sein Passagenwerk zum exakt abgetönten Funkeln bringt, Schuberts Stimmengeflecht durchleuchtet!

Doch man würde Sokolovs Kunst verkennen, wenn man nur ihre technische Souveränität priese: Sie ist Grundlage seines Musizierens, nicht deren Essenz. So kann es vorkommen, dass sich Dramaturgie und Aussage eines Abends erst in der Rückschau voll erschließen – wie im Krimi, wenn Hercule Poirot endlich seine Erkenntnisse präsentiert und plötzlich alles seinen Sinn ergibt. Dabei war es nicht unbedingt ein nach Aufklärung verlangendes Rätsel, aber doch überraschend, dass Sokolov zum Auftakt Beethovens Sonate op. 2/3 vor dessen Bagatellen op. 119 gestellt hatte, nicht umgekehrt. Doch wirklich, für diese vermeintlichen Leichtgewichte muss man sich erst warm gehört haben. Sokolov straft ihren Titel Lügen, ohne dabei exzentrisch zu übertreiben, und offenbart den Tiefsinn dieses Kuriositätenkabinetts, gefüllt mit ironischen Tänzen, grazilem Spieldosencharme und rhythmischen Kaprizen. Stünde Beethovens Siebente in c-Moll, würde ihr Thema so klappernd vorübergaloppieren wie hier in der fünften Bagatelle – und die siebente tut, als könne sie kein Wässerchen trüben, wirbelt aber mit einem langen Basstriller die schlammigsten Tiefen auf.

 

Erinnerung an Beethoven

Bei den seelischen Rundreisen von Schuberts Impromptus D 935 griffen dann immer mehr Sokolov'sche Zahnrädchen ineinander. Auf einmal erfasste man nicht nur die Bagatellen als Vorläufer von Schuberts Klavierstücken, sondern häuften sich auch die musikalischen Bezüge. Andere mögen beim f-Moll-Thema des Allegro scherzando aus jeder Vorschlagsnote einen Stolperstein machen, bei Sokolov dramatisieren erst die Triller das Geschehen – und das Ende ist ein Sturz in den Orkus (siehe siebte Bagatelle). Zugleich vernimmt man in der Erinnerung an Beethovens Opus 2/3 plötzlich deren ständige Fallstricke, Brüche, Widerborsten: im an Charakteren überreichen Kopfsatz, im endlich einmal nicht gehetzten Scherzo mit seinen plärrenden dynamischen Kontrasten, in den langen Trillern des Finales.

Jubelstürme und sechs Zugaben: noch mehr Schubert, Sokolov-Klassiker (Rameau) und Raritäten (Debussy!).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2018)

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