Mehr Routine als Revolution: „Andrea Chénier“

Kritik Umberto Giordanos Verismo-Drama an der Staatsoper: neu besetzt, aber wenig mitreißend.

Gregory Kunde in der Titelrolle.
Gregory Kunde in der Titelrolle.
Gregory Kunde in der Titelrolle. – (c) Michael Poehn

Nichts gegen Routine: In allen Bereichen verleiht sie uns Sicherheit, und selbst in der Kunst kann sie die Bedingung fürs Außergewöhnliche liefern. Warum die Routine dennoch einen schlechten Ruf hat, war am Sonntag in der Staatsoper zu studieren – weil sie da nicht als Sprungbrett für Höhenflüge taugte, sondern dem Ganzen Fußfesseln anzulegen schien. Dabei war mehr als ein halbes Dutzend Rollen mit Debütanten besetzt. Doch bezieht sich das nur auf das Haus und Otto Schenks aus dem Jahr 1981 stammende Regie, in die gerade die Sänger der Hauptpartien einbringen, was sie auf internationalen Bühnen an Erfahrung gesammelt haben – oder an Phlegma.

Gregory Kunde z. B., der nach über sechs Jahren Staatsopern-Pause als Titelheld von Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ zurückgekehrt ist, diesem packenden Verismo-Drama rund um den Dichter, der unter den Jakobinern auf der Guillotine endete. Einst als fähiger Rossini-Tenor berühmt geworden, der die leichte Höhe bei Alfredo Kraus erlernt hatte, konnte Kunde sich schließlich auch die dramatischen Partien des italienischen Fachs erobern: Er gilt als der einzige Tenor, der binnen Kurzem sowohl Rossinis als auch Verdis Otello gesungen hat. Bei Giordano machte sich dieser Rekord des bald 65-Jährigen kaum bezahlt. Auch wenn er entschieden jünger wirken mag, blieb er dem Chénier vokal vor allem die Anmutung von Frische und Poesie schuldig. Zwei Akte lang sparsam und mit unsteter Tongebung singend, gelang ihm immerhin vor dem Revolutionstribunal ein vorübergehender Glanzpunkt.

 

Ein Paar ohne Funkenflug

Routine statt Funkenflug prägte auch Kundes Zusammenspiel mit der Maddalena von Tatiana Serjan: Die gedrosselte darstellerische Energie des Paars konnte nicht einmal Frédéric Chaslin mit seinen kaum jemals stimmschonend dosierten Hitzewallungen aus dem Graben nachhaltig befeuern. Auf einen anfänglichen naiven Jungmädchenton und lyrische Zartheit war ohnehin nicht zu hoffen bei Serjans etwas schwergängig-dunklem Sopran, aber sie kam achtenswert über die Runden. So blieb der beste Eindruck Luca Salsi vorbehalten – selbst wenn er den Gérard eher auf vordergründigen Effekt hin abgeliefert und im Vortrag mehr sein Impetus als nuancierter baritonaler Glanz beeindruckt haben mag. Und wenn es doch nicht Routine, sondern Anfangsschwierigkeiten waren? Die Folgevorstellungen werden es weisen. (wawe)

Reprisen: 9., 11., 15. 1.; www.wiener-staatsoper.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2019)

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