Streamingtipps

Klassik zum Streamen: Auch Bach war ein Musiktheater-Meister

Musiktheaterfreunde können online kontrollieren, wie es in anderen Opernstädten zugeht, und müssen auch zu den tönenden Zelebrationen der Karwoche ihr Wohnzimmer nicht verlassen. Sechs Tipps.

Berliner Philharmoniker 14.3.2019 in Berlin / Johannes Passion
Berliner Philharmoniker 14.3.2019 in Berlin / Johannes Passion
Passionsspiele in der Berliner Philharmonie unter Simon Rattle. – (c) Stephan Rabold

Eine szenische „Johannes-Passion“

Simon Rattle in Berlin
Zu sehen auf digitalconcerthall.com

Passend zur beginnenden Karwoche können Abonnenten der Digital Concert Hall (DCH) der Berliner Philharmoniker die jüngste Aufführung von Bachs „Johannes-Passion“ in der Berliner Philharmonie abrufen – diese war in jeder Hinsicht anders als alle gewohnten Darbietungen dieses Werks, denn sie wurde von Peter Sellars inszeniert.

Das Passionsspiel war schon einmal, 2014, in Baden-Baden zu erleben und wurde damals heftig diskutiert. Sir Simon Rattle, mittlerweile nicht mehr Chefdirigent des Orchesters, hat sich für sein Comeback als Gast in Berlin eine Wiederaufnahme gewünscht. Die fand im März statt und wurde in HD-Qualität aufgezeichnet. Nun steht sie auf dem Server der DCH und bereichert den immensen Schatz an Livemitschnitten, der dort rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Das Remake fand mit einem illustren Solistenteam statt, voran Magdalena Kozena (Alt) und Mark Padmore als Evangelist. Der Rundfunkchor Berlin gestaltete die besonders heftigen Volkschöre, die Bach für die dramatischste seiner Passionen komponiert hat. Regisseur Sellars: „Es gibt in diesem Stück viele Heimlichtuereien und gleichzeitig diese unverhohlene Brutalität, als wäre es eine Geschichte aus heutiger Zeit.“

 

Berlioz' „Trojaner“ belagern auch Paris

Regie: Dimtri Tcherniakov
Zu sehen auf takt1.de

Ein schönes Studienobjekt für Opernfreunde, die kontrollieren wollen, ob die Opernsonne anderswo wirklich strahlender leuchtet als hierzulande: Man vergleiche die jüngste Neuinszenierung von Berlioz' „Les Troyens“ der Wiener Staatsoper mit jener von Moderegisseur Dimtri Tcherniakov für Paris: An der Bastille spielt die Handlung im grauen Ambiente einer Diktatur unserer Zeit. Statt auf royale Prachtentfaltung am Hof der Königin Dido, schaut man auf deprimierend armselige Plastik-Interieurs. Auch in Paris singt Brandon Jovanovich den Aeneas, der Rest der Besetzung ist jener in Wien aber jedenfalls nicht überlegen, wenn auch Philippe Jordan am Dirigentenpult steht. Lehrreich ist das jedenfalls . . .

 

Frankenstein, einmal auf der Musikbühne

Sound-Designer Marc Greys Oper
Zu sehen auf operavision.eu

Eine Oper nach Mary Shelleys „Frankenstein“ war das erste abendfüllende Musiktheaterwerk des amerikanischen Komponisten und Sound-Designers Marc Grey. Das Auftragswerk zur Feier des 200. Geburtstags des Romans wurde von ?lex Ollé inszeniert, einem der Mitglieder der Gruppe La Fura dels Baus. Ollé will in seiner Regiearbeit den tiefen Graben zeigen, der zwischen menschlichem Erfindergeist und ethisch-moralischen Ansprüchen klafft. Komponist Grey, der als Sound-Designer viel mit den amerikanischen Minimalisten zusammengearbeitet hat, ist Wiener Theatergehern vielleicht noch dank seiner akustischen Installation zu Peter Sellars' Festwochen-Produktion von Shakespeares „Othello“ im „Akzent“ in Erinnerung.

 

Viele Debütanten in Wiens Osterreigen

„Turandot“ und „Parsifal“ am Ring
Zu sehen auf staatsoperlive.com

Dem jeweils letzten Werk von Giacomo Puccini und Richard Wagner sind die kommenden Livestreams aus der Wiener Staatsoper gewidmet. „Turandot“ in der Marelli-Inszenierung ist komplett neu besetzt: Anna Smirnova singt die Titelpartie, Alfred Kim dens „unbekannten Prinzen“, am Pult steht Staatsopern-Debütant Domingo Hindoyan, Spross des venezolanischen „Sistema“ und Barenboim-Assistent (16. April). Erstmals am Staatsopern-Pult auch der von den Philharmonikern im Konzert so viel beschäftigte Valery Gergiev: Er debütiert mit „Parsifal“ in Luxusbesetzung: neben Matthias Goerne, Simon O'Neill, René Pape und, erstmals als Kundry, Elena Zhidkova (21. April).

"Parsifal" an der Wiener Staatsoper. – Michael Pöhn

 

Frühling in Wien, 2019 à la française

Die Symphoniker und Lahav Shani
Zu sehen auf myfidelio.at

Beim traditionellen Osterkonzert der Wiener Symphoniker musiziert das Orchester heuer mit zwei Debütanten: Erstmals steht zum medialen Konzertauftritt der Symphoniker der junge „erste Gastdirigent“ Lahav Shani am Dirigentenpult. Er hat ein französisches Programm gewählt, das von Dukas' virtuosem „Zauberlehrling“ bis zu Ravels Ballettmusik „Daphnis und Chloe“ reicht. Renaud Capuçon ist der Solist in Ernest Chaussons „Poème“ und Ravels eigenwilliger Anverwandlung von Liszts Rhapsodien, „Tzigane“ (live am 21. April, 19.30 Uhr)

 

Orgelgebraus mit Iveta Apkalna

Mariss Jansons in Amsterdam
Zu sehen auf takt1.de

Zum Nachhören: Die Organistin Iveta Apkalna und Publikumsliebling Mariss Jansons mit seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wiederholten ihr umjubeltes Programm, das sie im März im Wiener Musikverein präsentierten, zwei Tage später in Amsterdam. Im Concertgebouw wurden Francis Poulencs Orgelkonzert und die Orgelsymphonie von Camille Saint-Saëns aufgezeichnet.

 

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