Der Silbenstecher in der Dunkelheit

Christian Gerhaher und Gerold Huber boten einen düsteren Liederabend.

Christian Gerhaher (Bariton), Gerold Huber (Klavier)
Christian Gerhaher (Bariton), Gerold Huber (Klavier)
Christian Gerhaher (Bariton), Gerold Huber (Klavier) – (c) Salzburger Festspiele/marco borrelli

Schon wenn Christian Gerhaher eingangs eine Auswahl aus Benjamin Brittens „Purcell Realizations“ anstimmt, ist Schluss mit lustig – an diesem Liederabend, dessen Programm ganz zwischen Zwielicht und Dunkelheit verharrt. Brittens Bearbeitungen sind beim intellektuellsten Liedersänger deutscher Zunge nicht einfach praktische Notenausgaben, die die lange Zeit fast vergessene Musik des englischen Barockmeisters Purcell auf unbekümmerte Weise neu zugänglich machen würden. Aber sie sind für Gerhaher auch keine (mittlerweile philologisch fragwürdigen) Umdeutungen von anno dazumal, aus der Zeit vor der Entdeckung des „Originalklangs“ – was bedeuten würde, dass sie aus einer gewissen historischen Nachsicht heraus zu rehabilitieren wären. Nein, der Bariton und sein großartiger Klavierpartner Gerold Huber begreifen diese Lieder als vollgültige, tendenziell sogar verstörende Werke des 20. Jahrhunderts. Koloraturen verwandeln sich da von zeitbedingten Verzierungen oder dem zeitlosen Ausdruck vokalen Frohsinns flugs in fast angestrengte expressionistische Wendungen und Windungen. Die Kantilenen rückt Gerhaher weit ans Rezitativische. Die Kontraste zwischen kargem, geradem Klang nah am Sprechtonfall und vollem Vibrato schärft er bewusst.

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2019)

Meistgekauft
    Meistgelesen