Schostakowitschs Notturno der Einsamkeit

KritikJubel für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Kanadier Yannick Nézet-Séguin: Der Einspringer für Mariss Jansons wandelte in Salzburg Genauigkeit in Ausdruck um.

Jubel für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Kanadier Yannick Nézet-Séguin.
Jubel für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Kanadier Yannick Nézet-Séguin.
Jubel für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Kanadier Yannick Nézet-Séguin. – (c) SF/Marco Borrelli

Beethovens zweite Symphonie ist kein einfaches Stück: Haydn auf Speed, könnte man sagen – und damit ist nicht bloß die Geschwindigkeit gemeint. Denn Beethoven will darin immer noch den einstigen Lehrer übertrumpfen, wo er nur kann: in den Dimensionen, den Steigerungen, in der Drastik des Humors. Im Stirnsatz gibt es in dessen groß angelegter Coda eine besonders merkwürdige Stelle: Nach einem hochdramatisch inszenierten, strahlenden Fortissimo-Höhepunkt in D-Dur, auf den ein chromatisch ansteigender Bass zusteuert, kehrt das Hauptthema wieder, verwandelt in eine Unisono-Dreiklangsfanfare. Doch nimmt Beethoven bei dieser die Dynamik plötzlich ins einfache Forte zurück, um dann erst für die Schlussakkorde wieder Fortissimo zu verlangen. Was bedeutet das? Nicht wenige Dirigenten übergehen dieses merkwürdige Herunterdimmen einfach – oder begegnen ihm hörbar unentschlossen. Nicht so Yannick Nézet-Séguin: Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelingt es ihm, die Stelle inmitten von so viel Zuspitzungen der Symphonie wie einen beiläufigen Witz zu präsentieren, als einen kleinen Sieg des Understatements – mit dem finalen Fortissimo als Pointe. In Ausdruck umgewandelte Genauigkeit war überhaupt ein Vorzug dieser kontrastreichen Deutung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2019)

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