Pogorelichs zerbrochener Klavier-Spiegel

Der Pianist gab wieder ein Wien-Gastspiel und verstörte - wie gewohnt. Jubelten die einen über exquisite Klangwirkungen, rümpften andere die Nase. Wie viel kreative Freiheit darf sich ein Interpret herausnehmen?

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Was soll ein Interpret? Wie viel kreative Freiheit darf er sich im Umgang mit dem Notentext herausnehmen? Ab wann wird etwa eine Beethoven-Sonate zu einem Werk frei nach den Vorstellungen des Komponisten – und ein Klavierabend gewissermaßen zum Etikettenschwindel?

Kein anderer Pianist unserer Tage wirft dergleichen Fragen mit solch unerbittlicher Konsequenz auf wie Ivo Pogorelich. Galt der 1958 in Belgrad geborene Musiker von Anbeginn als schwierig, scheint es mittlerweile, als wären in seiner Künstlerpersönlichkeit auch eminent zerstörerische Kräfte am Werk: Zuletzt hatte er Ende Mai mit seiner in jeder Hinsicht extremen Lesart von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert im Konzerthaus für einen mittleren Aufruhr gesorgt.

Nun kehrte er für einen Soloabend dorthin zurück. Enttäuscht wurden dabei wohl weder seine Fans noch seine Kritiker: Jubelten die einen über manch exquisite Klangwirkungen, rümpften die anderen über Willkürakte die Nase.

Am herkömmlichsten, und vordergründig vielleicht auch am trefflichsten, klang Beethovens „Für Elise“. Diese längst durch alle Mangeln der Unterhaltungsindustrie gedrehte Petitesse ging unter Pogorelichs Händen gleichsam unversehrt aus aller Vermarktungsunbill hervor: zart gedämpft, mit zauberisch ruhiger Wehmut, wie umrahmt von Trauerflor.

 

Beethovens eklatante Mängel

Da stellte sich eine Ahnung jener Transzendenz ein, die eingangs bei der Sonate op. 111 völlig gefehlt hatte: Hier, noch deutlicher aber in der Sonate op. 78, erweckten Pogorelichs zum Teil extreme Tempodrosselungen den Eindruck, als habe Beethoven immer wieder unzusammenhängende Abschnitte, ja einzelne Tongruppen zufällig aneinandermontiert. Die Verlangsamungen erwuchsen jedoch nicht aus dem Wunsch „Verweile doch, du bist so schön“, glichen mehr einer Art Zerreißprobe unter klinischen Bedingungen.

Ein zerbrochener Spiegel ist es, in dem uns Pogorelich die Werke zeigen will – ein indirekter, gestört-verstörender Blick. Das verdeutlichte auch der zweite Teil des Abends, der mit Brahms' Intermezzo op. 118/2 anhob: eine immer wieder blockierte Meditation, bei der sensibel schattierte Klänge mit grellen Härten in zum Teil fahrige Rubati abwechselten.

Die manisch anmutende Hektik von Skrjabins Vierter Sonate lag ihm da mehr, auch wenn er effektvoll über allerlei dynamische Differenzierungen hinwegdonnerte. Mehrfach, zuletzt bei der Zweiten Sonate von Rachmaninow, verwunderte zudem des Pianisten Manier, zu zarter Begleitung die Melodie radikal herauszuhämmern: Mochte man dies als Strategien bewusster Irritation hinnehmen, wirkte die Unbekümmertheit, mit welcher Pogorelich zumal bei Rachmaninow Piano-, Mezzoforte- und Forte-Vorschriften zugunsten pianistischen Trommelfeuers ignorierte, doch arbiträr, oberflächlich. Manchmal zeigt ein zerbrochener Spiegel doch nur Scherben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2010)

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