Heinz Holecek: "Burli, du bist es worden!"

Die Festvorstellung zum 50. Bühnenjubiläum von Heinz Holecek musste verschoben werden, weil er sich die Hand gebrochen hat. Doch mit der "Presse am Sonntag" sprach der Publikumsliebling über Debüts und zu enge Kostüme.

Heinz Holecek Burli bist
Heinz Holecek Burli bist
Heinz Holecek – (c) APA (ARTINGER Guenter)

Der ORF-Programmchef hat gebrüllt, er würde sich nicht hinters Licht führen lassen. Das sei natürlich Marcel Reich-Ranicki selbst gewesen. Niemals könnte ein Imitator ihn so nachmachen. Das war unser größter Triumph“, resümiert Heinz Holecek. Seine täuschende Ranicki-Imitation wurde mit Champagner begossen. Als Imitator mit großer Lust an der perfekten Maske hat der Künstler die Herzen der Fernsehzuschauer gewonnen.

Bis heute basiert Holeceks Popularität auf Sendungen wie „Mit fremden Federn“. Sein singuläres Imitations-Talent basiert auf messerscharfer Beobachtungsgabe, vor allem aber auf Musikalität. In Wahrheit ist der hinreißende Entertainer ja Opernsänger.

Im „Presse am Sonntag“-Gespräch erinnert er sich an seinen ersten Auftritt vor genau 50 Jahren: „Es war die ,Zauberflöten‘-Premiere in der Ära von Franz Salmhofer. Ursprünglich sollte Josef Meinrad den Papageno spielen. Aber der Burg-Star hatte lang voraus abgewunken. Dann hieß es: Wir wollen einen jungen Papageno präsentieren, und es kam zu einem Vorsingen in vielen Etappen.“

»Du wirst König Philipp.« Wobei Holeceks Lehrerin, die legendäre Wiener Gesangspädagogin Elisabeth Radó, nicht übermäßig begeistert war: „Der Papageno ist nicht das, was wir anstreben, hat sie damals gesagt. Ich war ja ein Bass-Bariton mit guter Tiefe. ,Du wirst einmal der Leporello sein‘, hat sie gemeint, ,oder der König Philipp im Don Carlos‘. Das Gebet des Königs Heinrich im Lohengrin hatte ich ja schon gesungen – mit siebzehn und langem künstlichem Bart auf der Bühne des Konservatoriums!“

Es wurde doch der Papageno. Direktor Salmhofer rief den jungen Mann an und erklärte in seinem berüchtigten wienerischen Dialekt: „Also Burli, du bist es worden, der Vogelfänger, dass du's nur weißt. Wasch dich, kampel dich. Morgen ist Probe.“

Ein Sprung auf die Bühne. Dass die Volksoper einen vielversprechenden jungen Sänger gefunden hatte, stand sogleich in der Zeitung. Heinz Holecek: „Ich war trotzdem während der Probenphase nicht nervös, weil sich Kollegen wie der Tenor Rudolf Christ rührend um mich gekümmert haben. Vizedirektor Otto Fritz hat sich beim Inszenieren gleich meiner Sportlichkeit bedient. Es war eine bunte Dekoration aus verschiedenen Spielinseln. Ich musste von Insel zu Insel springen.“ So ging denn der 22-Jährige nicht, er hüpfte auf die Bretter, die die Welt bedeuten: „Ich bin mit einem Satz auf die erste Spielinsel hinaus, und die Leute haben sofort applaudiert. Vor diesem ersten Sprung war ich ja dann doch nervös. Aber als ich den Applaus hörte, hab' ich vor Freude noch einen Luftsprung gemacht. Ab dann ging alles wie geschmiert.“

Märchenhafter Start. Was auch für die folgenden Volksopern-Produktionen galt, an denen der frischgebackene Publikumsliebling beteiligt war: „Es begann irgendwie märchenhaft. Gleich nach der Zauberflöte kam ja Menottis ,Alte Jungfrau und der Dieb‘, eine köstliche Dreiecksgeschichte, in der ich mit Olive Moorefield auf der Bühne stand. Mit den großen Arien des Bob musste ich den Dirigenten Argeo Quadri überzeugen, was insofern nicht leicht war, als man ihm die hymnischen Kritiken gezeigt hatte, die ich für den Papageno bekommen hatte. Aber ich war während der Probenzeit für den Menotti verkühlt und konnte eine Zeitlang nicht aussingen. Geprobt haben wir übrigens in der Hofburg, in Räumen, wo man noch sah, dass da während des Kriegs ein Lazarett eingerichtet war. Zur Premiere war die Stimme längst wieder da und die Leute haben das Stück geliebt.“ Wie übrigens auch die Erstaufführung von Joseph Haydns „brennendem Haus“.

Parodierender Harlekin. „Renate Holm war damals Colombine, ich Harlekin, der sich um sie bemüht. Aber Colombine ist ein reiches Mädchen mit einem wunderschönen Haus, um das sich daher alle möglichen Verehrer reißen, Adelige, Soldaten und so weiter. Als das Haus abbrennt, schaut sie keiner mehr an. Sie trauert aber den Schmeicheleien nach und Harlekin macht nun in parodistischen Szenen alle unmöglich. Das sind lauter kleine, feine Haydn-Arien, die da zu singen sind.“ Und natürlich wunderbare Szenen für das parodistische Talent Holecek, mit denen er jahrelang punkten konnte wie mit komödiantischen Paraderollen vom Format des Ramiro in Ravels „Spanischer Stunde“ (Holecek: „Eine legendäre Otto-Schenk-Produktion“) oder Puccinis „Gianni Schicchi“ („Als der abgesetzt wurde, habe ich fast geweint“).

Mittlerweile war Heinz Holecek längst Papageno der Staatsoper und dann mit diesem Haus auf Tournee: „Den Figaro im Bolschoi-Theater singen zu dürfen, wo der Geist Schaljapins weht, das war schon eine einzigartige Erfahrung“, schwärmt der Sänger. Gast-Engagements führten ihn bald ja auch ins Ausland: als Papageno, als Figaro, als Schicchi.

Walter Berrys Hosen. Holeceks Einstieg in der Wiener Staatsoper war demgegenüber alles andere als reibungslos verlaufen – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als er auf der Bühne erschien.Aber schon wo er auf der Bühne erschien, war durchaus ungewöhnlich. Und das kam so: „Es war in den ersten Jänner-Tagen 1962. Wir hatten im Dezember ein paar Informations-Proben gemacht und als Kostüm – man bekommt ja nicht gleich ein eigenes – eine Kombination aus der Hose von Erich Kunz und dem Oberteil von Walter Berry gewählt. Das passte recht gut. Dann habe ich einen grundlegenden Fehler gemacht. Heute weiß ich: Das Erste, was man tun muss, wenn man in die Garderobe kommt, ist, das Kostüm zu kontrollieren.“

Der langen Rede kurzer Sinn: Auf der Stange hingen die Hose Walter Berrys und das Oberteil von Erich Kunz: „Berrys Hose wäre noch anzupassen gewesen, aber die Jacke von Kunz hätte ich sofort gesprengt.“ Hysterie brach aus, denn Dirigent Heinrich Hollreiser hatte bereits mit der Ouverture begonnen. Ein wackerer Motorradfahrer brauste in die Volksoper, um Holeceks dortiges Papageno-Kostüm zu holen. Dort verwies man ihn an den Fundus nach Breitensee, von dort ging es im Feuerwehrtempo zurück ins Haus am Ring. Die Szene hatte längst begonnen, Tenor Anton Dermota lag, vor der Schlange ohnmächtig zusammengebrochen, auf dem Boden, und die Regieassistenten flüsterten ihm zu: „Toni, red'länger, sag was vom alten Dialog über die böse Schlange. Oder irgendwas.“

Wo, bitte, ist die Bühne? Als das Kostüm endlich saß und die Garderobe-Hilfen sich schon fröhlich zuprosteten, begann für Heinz Holecek allerdings erst die letzte Prüfung: „Ich sollte ja zum ersten Mal auf die Staatsopern-Bühne. Und ich hatte keine Ahnung: Wo ist der Auftritt? Überall sah ich nur Rotlicht.“ Beherzt öffnete der beinah verhinderte Debütant in seiner Verzweiflung die erstbeste Tür – und landete, vom Inspizienten kurzerhand hinausgeboxt, auf der Hinterbühne: „Es war in dieser Inszenierung eine Art Kraterlandschaft, durch die ich mich mühsam durchlavieren musste. Aber meinen Einsatz habe ich nicht verpasst.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)

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