Adrian Gaspar: Der Roma-Komponist

Der 24-jährige Adrian Gaspar stammt aus einem kleinen Dorf in Rumänien. Heute lebt er als erfolgreicher Musiker in Wien und komponiert klassische Stücke.

Adrian Gaspar RomaKomponist
Adrian Gaspar RomaKomponist
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Adrian Gaspar ist ein viel beschäftigter junger Mann. Er sitzt in der Cafeteria der Musikuniversität am Anton-von-Webern-Platz und checkt seine Mails. „Morgen muss ich nach Bukarest. Dort spielen wir Konzerte in Jazzclubs“, erzählt er. Dann geht es zurück nach Österreich – zur ersten Aufführung der „Symphonia Romani – Bari Duk“ in Wien. Der 24-Jährige hat das klassische Werk für Bass, Chor und Orchester komponiert, das am Dienstag im ORF Radiokulturhaus dargeboten wird. Es beschreibt das Leben und Leiden eines Mannes, der Gaspar fasziniert: von Hugo Höllenreiner, der als kleiner Bub nur knapp die Versuche des KZ-Arztes Josef Mengele überlebte; der gefoltert wurde, nur weil er „Zigeuner“ war.

Der NS-Massenmord an den Sinti und Roma gehört der Vergangenheit an. Doch die größte ethnische Minderheit in Europa steht noch heute unter Druck: Viele Roma leben am Rande der Gesellschaft – vor allem in Osteuropa. In Ungarn marschieren sogar rechtsextreme Garden gegen sie auf.

Auch in Pojejena war es nicht immer einfach. In dem kleinen Dorf an der rumänisch-serbischen Grenze verbrachte Adrian Gaspar die ersten Jahre seines Lebens. In Pojejena gab es einen serbischen sowie einen rumänischen Teil. Und einen Teil für die Roma – und zwar dort, wo die Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung die Minderheit am liebsten sahen: am Rande des Dorfes. Dort wuchs auch Adrian Gaspar inmitten einer großen Romafamilie auf.

Gern erinnert er sich an seinen Großvater zurück. „Mein Opa war für mich immer ein Vorbild. Er war ein mental starker Mann, der etwas erreicht hat.“ Viele Roma durften damals nur einfache Arbeiten verrichten. Doch der Großvater war Traktorfahrer, er machte eine Ausbildung als Kranführer und investierte Geld in die Ausbildung seiner Tochter, der Mutter von Adrian.

Ausgewiesen nach Rumänien. Gaspars Eltern suchten nach einem besseren Leben in Westeuropa. Sie zogen 1990 nach Deutschland und holten ein Jahr später den Vierjährigen nach. Er ging dort in den Kindergarten, lernte Deutsch. Doch die Idylle sollte nicht lange währen. Der deutsche Staat wollte die Romafamilie nicht auf Dauer bei sich aufnehmen. Sie wurde nach Rumänien zurückgewiesen. „Im Kindergarten machten sie noch eine Abschiedsparty für mich“, berichtet Gaspar. „Die Tanten schenkten mir zur Erinnerung ein Fotoalbum.“

Der Traum vom Leben im Ausland war zerplatzt. Doch die Gaspars ließen sich nicht unterkriegen. Zurück in Rumänien gründeten sie mit dem Geld, das sie in Deutschland gespart hatten, eine Firma in der Stadt Caransebeş. In der Gegend lebten noch viele Schwaben. Und der kleine Adrian besuchte dort eine Schule, in der auf Deutsch unterrichtet wurde. Im selben Institut gab es auch eine Kunstschule mit musikalischem Zweig, und seine Mutter schickte ihn zum Klavierunterricht. Bald wurde klar, wie viel Potenzial, in dem Buben schlummerte. Ein Potenzial, von dem seine Eltern fürchteten, es könnte in Rumänien nicht richtig zum Leben erweckt werden.

Die Gaspars zogen nach Österreich– „nach Wien, weil es dort eine hervorragende klassische Musikausbildung gibt“. Adrian besuchte die Musikschule Brigittenau, wurde in das Musikgymnasium in der Neustiftgasse aufgenommen. Seit 2006 studiert er Komposition an der Universität.

Sein erstes Stück hatte er bereits mit 13 komponiert, eine „Sonatine in C-Dur“. Und beim Schulkonzert spielte er diese eigene kleine Komposition. „Ich las das Abendprogramm und sah, wie dort Adrian Gaspar auf der Liste der Komponisten stand, gleich neben Namen wie Mozart und Schumann. Da war mir klar. Das ist, was ich will.“

Auch im Jahr darauf wollte er beim Unterstufenkonzert wieder ein eigenes Stück aufführen. Er arrangierte das traditionelle Romalied „Gelem Gelem“ für Geige, Cello und Klavier. „Damals begann ich, klassische Komposition mit Romamusik zu mischen.“ Gaspar besuchte in den Ferien sein früheres Dorf in Rumänien, spielte dort Melodien mit seinem Onkel, kam zurück und bearbeitete sie für sein Klaviertrio.

2008 kreuzte Adrian Gaspars Lebensweg den von Hugo Höllenreiner. Die Gaspars hatten Höllenreiner bei einer Gedenkveranstaltung im KZ Auschwitz kennengelernt. Höllenreiner stammt aus einer deutschen Sinti-Familie. Die Nationalsozialisten hatten ihn und seine Verwandten verschleppt. Der kleine Hugo sah, wie ein Bub, mit dem er Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, erschossen wurde. Er sah den Tod anderer Freunde. Und er wurde schließlich zu Doktor Mengele gerufen, auf ein großes Bett festgeschnallt, und bei vollem Bewusstsein mit Eingriffen gemartert. Doch als eines der wenigen Mengele-Opfer überlebte er.

„Ich habe gekämpft.“ Adrian Gaspar war von Höllenreiners Geschichte bewegt und beeindruckt. Er komponierte die „Symphonia Romani – Bari Duk“. Ein Solist übernimmt die Rolle Höllenreiners, singt die Worte, mit denen der KZ-Überlebende in einem Interview mit Gaspar geschildert hatte, was ihm widerfahren war. Und das zum Teil in Romanes, der Sprache der Roma.

Von dem, was Höllenreiner erzählte, blieb Gaspar vor allem ein Satz im Bewusstsein: „Ich habe gekämpft.“ „Hugo ist nicht nur das Opfer. Er ist ein Held, und er lebt nach seiner Befreiung ein glückliches Leben.“ Den Nationalsozialisten war es nicht gelungen, das Leben des „Zigeuners“ Höllenreiner zu zerstören. Er wurde in Deutschland ein erfolgreicher Geschäftsmann. Damit passt er so gar nicht in das Stereotyp, Sinti und Roma seien „arm und faul“. Ebenso wenig wie der junge Komponist Adrian Gaspar. „Ob ich ein Vorbild sein kann?“, meint er. „Ja vielleicht. Aber nicht nur für junge Roma, sondern auch für andere Jugendliche. Wichtig ist, dass man schnell entscheidet, was man machen will.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)

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