Warum Salome den Kopf des Johannes begehrt

Annemarie Kremer erläutert im Gespräch mit der "Presse", dass sie schon „mit drei Jahren“ irgendwie unterwegs zur Prinzessin von Judäa war. Das Verhältnis zwischen Text und Musik sei bei Strauss faszinierend.

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

"Salome“ von Richard Strauss in der Wiener Volksoper? Der Komponist selbst stand vor einem Jahrhundert am Pult des Hauses am Gürtel, um sein Werk zur Wiener Erstaufführung zu bringen. An der Hofoper war die biblische Geschichte von der Zensur verboten worden. Also tanzte die mörderische Prinzessin ihren „Tanz der sieben Schleier“ im kleineren Haus.
Für den erneuten Versuch holt man sich eine Titelheldin aus Holland: Annemarie Kremer ist „Salome“ anno 2011 und bekennt: „Ich glaube, ich war schon Salome als ich drei war. Die Rolle passt jedenfalls wie ein Handschuh. Als ob mein ganzes Leben dazu geführt hätte, sie zu singen.“
Dabei begann alles ganz anders. Gesungen hat Annemarie Kremer immer schon gern. Doch lebte sie ihre Bühnenleidenschaft zunächst in der Schule aus. „Ich wollte ja immer singen“, sagt sie, „bin in einen Kinderchor gegangen, habe aber in der Schule organisiert, dass wir Stücke spielen durften, die ich selbst geschrieben habe. Wir haben auch eine Gospel-Truppe gegründet und für die Band, in der ich gespielt habe, habe ich eigene Lieder komponiert.“
Die Lust an der eigenen Sopranstimme so richtig entdeckt hat die Künstlerin allerdings erst, als sie von ihrer Mutter zu einer Chorprobe mitgenommen wurde. Die Stimme strömen zu lassen, das war ein Urerlebnis. Also Schluss mit dem Klavierunterricht, ab in die Gesangsklasse und dann – auf die Bühne: „Mit 21 bin ich ins Festengagement nach Aachen gegangen. Im Ensemble waren viele Amerikaner, und die waren unglaublich kollegial, haben mich als das Baby im Ensemble aufgenommen und mir sehr geholfen.“
Nach vier weiteren Ensemblejahren in Detmold ging's ans Gastieren. Und aus der lyrischen Stimme wurde bald ein jugendlich-dramatischer Sopran. „Ich glaube“, sagt Annemarie Kremer, „dass jeder Sänger ziemlich genau weiß, was er sich zutrauen kann. Als ich die Chance bekam, Puccinis Butterfly zu singen, bekam ich zum Beispiel gar keine Unterstützung vonseiten meiner Gesangslehrerin. Aber ich wusste, das passt jetzt, und bin weiter in diese Richtung gegangen. Die Butterfly hat mich von Holland nach Amerika gebracht und wieder zurück nach Europa, zu Christine Mielitz nach Dortmund. Sie hat mich dann gleich danach als Tosca engagiert.“
Und nun Richard Strauss. „Wie er für die Stimme schreibt, das fand ich schon als ganz junge Sängerin, als ich die ersten Strauss-Lieder sang, begeisternd. Das Verhältnis zwischen Text und Musik bei Strauss ist faszinierend.“
Und die Salome?
„Als ich sie zu studieren begann, fühlte ich mich ziemlich weit entfernt von dieser artifiziellen Person. Wie kommt man dazu, den Kopf eines Mannes zu verlangen? Aber wenn man sich ihr hingibt, dann begreift man, wie sich diese Kindfrau an der Begegnung mit dem unnachgiebigen Propheten entwickelt. Sie hat so viele Facetten in sich, das Kindliche, vielleicht auch etwas Tierisches. Und durchaus auch – in ihrem verdorbenen Umfeld – einen Hang zur Keuschheit. Diese oft widersprüchlichen Facetten alle auszuspielen, das ist schon eine tolle Herausforderung.“
Volksoper, Premiere: 15. Oktober.

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