Wien Modern: Die Musikliebe eines Autors, den es nicht gibt

Am Wochenende im Wiener Konzerthaus: Szenen und Musik zu einem großen literarischen Phantom. Unter der Regie von Markus Kupferblum ist eine „Nachdenklichkeit in sieben Teilen mit einer Vernissage“ entstanden.

Symbolbild
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(c) FABRY Clemens

Warum gehen wir ins Konzert? Nur wegen der Musik? Oder doch auch wegen der Atmosphäre, des Gemeinschaftserlebnisses, des Anblicks der Musiker, der Pausenplauderei? Wenn heute und morgen, Sonntag, im Wiener Konzerthaus solche Fragen szenisch-musikalisch erkundet werden, dann steht eine rätselhafte Figur im ungreifbaren Mittelpunkt: Oskar Serti (1881 bis 1959). Er sei der meistgelesene ungarische Schriftsteller seiner Zeit gewesen, erfahren wir. Und er habe in seinem umfangreichen literarischen und auch bildnerischen Schaffen seine Musikliebe niemals auch nur angedeutet, obwohl sie zentral für ihn gewesen sei – verkörpert in der Beziehung zur großen Pianistin Catherine de Sélys, durch Konzertbesuche in aller Welt, Volksmusikforschung und seine Sammlung von Instrumenten, die bei bedeutenden Uraufführungen gespielt worden seien . . .

Regie: Markus Kupferblum

Um Serti und seine Leidenschaft zu feiern, haben sich nun die freie Operntruppe netZZeit, Wien Modern, Konzerthaus und Klangforum Wien zusammengetan. Unter der Regie von Markus Kupferblum ist eine „Nachdenklichkeit in sieben Teilen mit einer Vernissage“ entstanden, ein „Dramatisches Konzert für großes Ensemble und Konzerthauspersonal“ (so die Untertitel), bei der Theater und Musik ineinander übergehen und verschmelzen: Eingebettet in etwa 30 übers ganze Haus verteilte Spielhandlungen bei Garderoben und Buffets, auf Stiegen, in Gängen und Sälen, gibt es in drei großen und vielen kleinen Konzerten u. a. Werke von Georges Aperghis, Beat Furrer, Peter Ablinger oder Bernhard Lang („Differenz/Wiederholung 2“) zu hören; auch Erik Saties berühmt-berüchtigte „Vexations“ dürfen nicht fehlen, dieses Klavierstück aus drei Notenzeilen, die angeblich 840 Mal erklingen sollen.

14 Musiker in 14 Vitrinen

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Werk von Gerald Resch, mit dem der 1975 in Linz geborene, vielseitige Komponist den renommierten Erste-Bank-Kompositionsauftrag 2011 erfüllt hat: „Collection Serti“, das nach einer konzertanten Darbietung beim „musikprotokoll Graz“ nun seine szenische Uraufführung erlebt. Dabei verwendet er Sertis legendäre Instrumentensammlung, die im Foyer zu besichtigen ist. In glaslosen Vitrinen ausgestellt, dürfen die Instrumente nicht herausgenommen, aber von Fachleuten gleichsam besucht und bedient werden. Resch: „14 Musiker steigen nach und nach in die 14 Vitrinen und beginnen ohne Koordination durch einen Dirigenten zu spielen, wobei sich ihre jeweiligen Musiken immer stärker überlappen. Nach und nach verdichtet sich die Musik zu einem kompakten Ensemblestück aus 14 gleichzeitig erklingenden Partien. Dabei organisiert sich das Ensemble gewissermaßen von selbst, die Musiker reagieren auf bestimmte akustische Signale und interagieren – idealerweise auch ohne gegenseitigen Sichtkontakt – rein musikalisch.“
Spiritus rector des Projekts ist der 1959 in Belgien geborene interdisziplinäre Künstler Patrick Corillon, der freilich nur ungern zugibt, Oskar Serti 1988 erfunden zu haben, sich vielmehr seither als dessen Biograf sowie Entdecker seiner Werke und Hinterlassenschaften verstanden wissen will: Realität und Fantasie verschwimmen – kein schlechter Grund, ins Konzert zu gehen.
Samstag ausverkauft, Sonntag ab 16.30 Uhr, Wiener Konzerthaus. Karten: 01/242002

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