London: Titanic-Totenmesse unter Bee-Gee-Ägide

Weltpremiere. Robin Gibb und sein Sohn haben ein „Requiem“ für den vor 100 Jahren gesunkenen Dampfer geschrieben. In der Westminster Central Hall war zu hören, was sie unter „klassisch“ verstehen: viel Schwulst.

(c) EPA (JACEK TURCZYK)

Das Musical gibt es längst, den Superhit zum Blockbuster-Film sowieso, auch die Compilation-CD mit den Liedern, die von der Schiffskapelle angeblich noch nach der Kollision mit dem Eisberg am 15. April 1912 bis zum Untergang gut zwei Stunden später gespielt wurden. Es ist gar nicht so leicht, da noch eine lukrative Lücke zu finden. Robin Gibb (62), einer der zwei verbliebenen „Bee Gees“, und sein Sohn RJ (27) versuchten es: Ihr „Titanic Requiem“ hatte in der Londoner Westminster Central Hall Weltpremiere.

Es ist nicht das erste oder einzige Requiem zum Thema: Der kanadische Komponist Donald Patriquin schrieb 1992 ein „Requiem At Sea“ für Chor und Streichquartett; ein Werk von Philip Hammond wird am kommenden Wochenende in einer Kirche in Belfast, wo die Titanic vom Stapel lief, uraufgeführt. Doch an schwülstigem Pathos können es diese beiden kaum mit der klischeebeladenen Komposition in 15 Sätzen von Gibb sen. und jun. aufnehmen. Dass bei der Uraufführung so viel Rührung herrschte, lag aber wohl daran, dass Robin Gibb, wie sein 2003 verstorbener Zwillingsbruder Maurice, an Krebs leidet und zu krank ist, um an der Aufführung am Dienstag live mitzuwirken. Sein Lied „Don't Cry Alone“, quasi die Single-Auskopplung, wurde als Playback gespielt – was der Veranstaltung kurz den beklemmenden Charakter einer verfrühten Totenmesse für Gibb selbst verlieh.

Gibb: „Wir sind ernste Komponisten“

„Ich war schon immer fasziniert von der Titanic“, schreibt Gibb auf seiner Homepage. Und versichert: „Wir haben das nicht nur komponiert, weil es der 100. Jahrestag ist.“ Zuerst habe er nur ein paar Lieder für eine Gedenkveranstaltung in Belfast komponieren wollen. Doch für RJ, einen mäßig erfolgreichen Schauspieler und Musiker, war das zu wenig: „Ich habe zu meinem Vater gesagt: Lass uns das als Requiem machen, basierend auf der lateinischen Messe. Es schien einfach der richtige Weg, um auszudrücken, was wir für die Titanic empfinden.“ Robin Gibb legt Wert darauf, dass es nicht sein erster Versuch mit „Klassik“ ist: „Auf vielen Bee-Gees-Aufnahmen hören Sie klassische Orchester mit klassischen Arrangements, und die haben wir selbst geschrieben. Die Herausforderung für mich war es, die Leute aus der Klassikszene davon zu überzeugen, dass wir ernste Komponisten sind.“ Keine Berührungsängste hatte das Royal Philharmonic Orchestra, zu dessen Spektrum die Uefa-Hymne, Filmmusiken für Disney und Orchesterversionen der Madonna-Hits gehören.

So zeichnet das Requiem in gefälligen Harmonien die Reise der Titanic; dass einige Kritiker Anleihen von Schostakowitsch, Beethoven und Mozart hören wollten, dürfen die Gibbs als Kompliment werten. Die schicksalsschwangeren Choräle singen die „RSVP Voices“, ein kommerzieller, auf Film- und TV-Musik spezialisierter Chor. Als Sopran wurde Isabel Suckling engagiert, mit nur 14 Jahren und einem Decca-Plattenvertrag das jüngste Sternchen am Klassikhimmel.

Zumindest Robin Gibb selbst hat das Werk erfrischt: „Ich bin dankbar, dass die Arbeit am Requiem mich von meiner Krankheit abgelenkt hat“, sagte er der „Sun“: „Ich glaube wirklich, es hat mir das Leben gerettet.“

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