Cleveland-Orchestra: Porträt eines Spitzen-Orchesters

Im Musikverein brillierte das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst.

ORF - Show me more - ORF-Fernsehen 2008'. Am Donnerstag, den 20. September 2007, findet im Rahmen von 'Top Spot' die ORF-Programmpräsentation 2008 statt. 'Franz Welser-Möst - Talent ist eine Verpflichtung'

Triumph der Disziplin: Schon eine Viertelstunde vor Beginn des Konzertes begibt sich ein Großteil der Musiker aufs Podium, um sich einzuspielen; notabene nach einer bereits zweiwöchigen, gewiss anstrengenden Tournee durch die USA und Europa. Hernach sind sie bereit, jedes noch so rasante Tempo des Dirigenten mit selbstverständlicher Virtuosität mitzugehen; erfüllen ihm die Streicher jeden bogentechnischen Wunsch einmütig bis ins letzte Pult, realisieren die Bläser alle die minutiösen dynamischen Vorgaben auf Punkt und Komma...

Zum dritten Mal seit 2003 hat das Cleveland Orchestra seine Residenz im Musikverein bezogen. Diesmal umfasst das Gastspiel drei Programme an vier Abenden; schon die beiden ersten davon gaben mit markanten Beispielen aus Klassik, Romantik und Moderne ein vielfarbiges Bild vom Standard dieses Spitzenensembles.


Blitze aus der Ruhe

Konstante ist die Persönlichkeit des bis 2010/11 bestellten Chefdirigenten Franz Welser-Möst, der das Orchester in der sechsten Saison leitet und es in eine neue Ära geführt hat. Welser-Möst ist das Gegenteil eines eitlen Pultakrobaten: Sein Markenzeichen ist die souveräne Ruhe und Gelassenheit seines Zugriffs auf der Basis einer eleganten, vorbildhaft deutlichen Zeichengebung. Eine Ruhe, die man keineswegs mit distanzierter Coolness verwechseln sollte; immer wieder geschieht es, dass daraus die Blitze heftig zupackender Attacke schießen, um prägnante Akzente zu setzen, gewaltige Steigerungen aufzubauen, monumentale Höhepunkte anzusteuern.

Dabei verleiht der designierte Generalmusikdirektor der Staatsoper jeder der gespielten Partituren ihre eigene Physiognomie. Mozarts C-Dur-Symphonie KV 200 zu Beginn des ersten Abends: Keine modische Schroffheit, keine kleingliedrige „Klangrede“ – elegant und leichtfüßig, mit mancherlei Pianissimo-Effekten im Andante gleitet die Musik vorüber. Dann, als erster Höhepunkt, Claude Debussys Tondichtung „Ibéria“ aus den „Trois Images“ (1906/08): Ein raffiniertes Spiel von Licht und Schatten, kaleidoskopartig wechselnde Bilder aus feurigen spanischen Rhythmen, duftigen Farben, preziösen Harmonien, das alles in klarster Disposition – hinreißend!

Beethovens Siebente zum Abschluss war von Anfang an konzis durchgezogen; aufrüttelnd bereits der Beginn der langsamen Einleitung mit seiner partiturgerechten Härte. Rasant ging Welser-Möst dann das Finale an; faszinierend zu beobachten, wie er kurz vor Schluss die Zügel ein wenig locker ließ, nur um sie dann umso straffer wieder anzuziehen und das Orchester in eine geradezu ekstatische Zielgerade zu treiben.


Herzensangelegenheit Bruckner

Der zweite Abend begann – anders als angekündigt – mit György Ligetis Ikone der Klangflächenkomposition „Lontano“ aus dem Jahre 1967; farblich in ähnlicher Weise aufgefächert wie Debussy tags zuvor. Aber dann Bruckners IX. Symphonie, für den Oberösterreicher Franz Welser Möst zweifellos eine Herzensangelegenheit. Gewiss galt es da von manchen eingefahrenen Hörgewohnheiten Abschied zu nehmen: Im Klang des Orchesters mit den hell timbrierten Holzbläsern und den im Tutti fast scharfen Trompeten; in manchen (zu Recht) wörtlich genommenen strichtechnischen Vorschriften; und in der Tempodramaturgie, die auch hier von großer Ruhe ohne allzu vordergründige Modifikationen bestimmt war. Doch gerade dadurch kamen die resignative Gewalt des Stirnsatzes, die Wucht des Scherzos, der transzendentale „Abschied vom Leben“ im Adagio zu eindrucksvollster Wirkung. Anhaltender Jubel im beide Male randvollen Goldenen Saal.

Heute (Freitag-)Abend folgt noch Mahlers 2. Symphonie mit dem Singverein sowie den Solistinnen Malin Hartelius und Bernarda Fink. ghjk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2007)

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