Wagners gerupfter Schwan im Ratzenstadel

"Lohengrin“, die Neuproduktion der Bayreuther Festspiele 2010? Natürlich nicht. Hans Neuenfels hat inszeniert, also etwas Eigenes herausgebracht, das viele Zuschauer amüsiert und manche sehr aufgeregt hat.

(c) APN (Eckehard Schulz)

"Lohengrin“, die Neuproduktion der Bayreuther Festspiele 2010? Natürlich nicht. Hans Neuenfels hat inszeniert, also etwas Eigenes herausgebracht, das viele Zuschauer amüsiert und manche – die gekommen waren, „Lohengrin“ zu sehen – sehr aufgeregt hat.

Die Musik also zuerst. Andris Nelsons, der 31-jährige lettische Hoffnungsträger am Dirigentenpult: Das Festspielorchester reagiert auf seine Gebärdensprache mit Ausschüttung von allerlei höchst eindrucksvollen Akzenten, Attacken und sonstigen Furiosa. Während der oft sehr langen Strecken zwischen den Eruptionen fehlt es dem jungen Kapellmeister freilich an handwerklichem Geschick, Wagners lange Entwicklungslinien nachzuvollziehen.

 

Der notorische Kampf mit der Akustik

In den großen Ensemblesätzen, namentlich im Finale des zweiten Akts, verwandelt sich die Musik bald in eine Art tönenden Treibsands, in dem sämtliche Einzelstimmen haltlos versinken. Dann die Bayreuther Akustik, notorisch gnadenlos für Einsteiger. „Werkstatt Bayreuth“? Mag sein, das „Lohengrin“-Vorspiel klingt kommenden Sommer schon durchhörbarer – und im Anflug auf den Fortissimo-Gipfel von der Melodielinie geführt und nicht vom harmoniefüllenden Blech. (Wo man auf der Zeitachse gerade war, suggerierte diesmal nur Nelsons' Ritardando vor dem Beckenschlag...)

Wie auch immer: Die Lust des Dirigenten an der Provokation jäher Ausbrüche und Überraschungsmomente trieb Früchte auf der Szene. Am ungleichen Paar der Bösewichter, Ortrud und Telramund, ließ sich das Bayreuther Besetzungs-Weh unserer Tage wunderbar ablesen; pardon: abhören. Hans Joachim Ketelsen, alles andere als ein Bariton mit schöner Stimme, wurde dank vokaler Präsenz und eminenter Wortdeutlichkeit zum Akteur des Abend. Aus seiner Kehle drang kein schöner Ton, doch jede Sprachnuance, die ein veritabler Telramund braucht. Das riss auch Evelyn Herlitzius zu drastischer Vokal-Aktion hin. Sie brüllt mehrheitlich, doch das mit Methode, jeder bekommt das mit: Eine solche Blume des Bösen sondert Schrecken aller Art ab.

Wenn diese beiden zu Beginn des Mittelaktes auf dem Boden herumkugeln, dann gewinnt man beinah den Eindruck, Regisseur Neuenfels hätte sich da zu einer Personenführung hinreißen lassen, die Wagners szenische und psychologische Andeutungen in drastisches heutiges Theater umzusetzen wünscht.

Das Nämliche gilt für die Brautgemach-Szene, wo der bis dorthin unglaublich dezente, ja zaudernde Lohengrin von Jonas Kaufmann mit einem Mal seine tenoralen Säuselgewohnheiten ablegt und baritonal-männlich Stimme gibt, um seine höchst frauliche Elsa, Annette Dasch, zum Vollzug der ehelichen Pflichten zu überreden. Die aber scheut und zieht es vor, nähere Informationen über den Gemahl einzuholen.

Bei Wagner kulminiert hier das Geschehen. Doch an „Geschehen“ mangelt es der neuen Bayreuther Produktion ganz und gar. Jenseits jeglicher Sinngebung geht König Heinrich (Georg Zeppenfeld, auch stimmlich sehr dezent) gleich zu Beginn der Aufführung in die Knie: Sobald er nämlich sieht, dass sich seine gräflichen brabantischen Vasallen in Ratten verwandelt haben.

Warum das so ist, wird wie alle anderen Fragen, die sich stellen könnten, an diesem Abend nicht beantwortet. Dafür gibt es Trickfilmzuspielungen – eine fiel zur Premiere aus! Und eine Slapsticknummer, die in jedem Zusammenhang amüsant wäre, nur nicht während des großen Zwischenspiels, das Wagner zur Überleitung ins Hochzeitsbild komponiert hat.

Im weitgehend sinnfreien sterilen Rattenlabor (Bühne: Reinhard von der Thannen), über dem einmal Buhrufe fördernd ein gerupfter Schwan schwebt, heißt es daher durchgehend: Ohren auf, wenn du ein Stück, wenn schon nicht das (gerupfte) Stück von Wagner erhaschen willst.

 

Die „Gottgesandten“ in der Politikerloge

Jonas Kaufmann also als Lohengrin? Das bedeutet viele sehr elegante Tenortöne, namentlich dort, wo sich der Sänger auf seine eigenwillige Mischtechnik zwischen Kopf- und Bruststimme verlässt. Und das sind erschreckend viele Passagen; was für sein Fortkommen nicht nur im heldischen Fach fürchten lässt. Derzeit ist er ein guter Partner der lyrisch-verhaltenen Elsa Annette Daschs – die ja ihrerseits achtgeben sollte, ihren Sopran nicht zu überfordern.

Zuletzt ist immerhin eine Frage klar beantwortet: Warum dem vokal sicheren Heerrufer Samuel Youns von Anbeginn die Haare zu Berge stehen. Selbst der sonst in der Regel makellose Bayreuther Chor tönt ja diesmal beinah schmächtig; vielleicht, weil ihn Neuenfels kaum wirkungsvoll führt und selten direkt ins Publikum singen lässt. Mit einer Ausnahme: Als nach zweimaligem Aufruf das Wunder geschieht und es hell im Saal wird, jubiliert das gesamte Ensemble „gottgesandt, gottgesandt“ in Richtung Königsloge: Dort saßen die deutsche Kanzlerin und unsere Frau Innenministerin.

VIEL PROMINENZ BEI DER „LOHENGRIN“-PREMIERE

Bundeskanzlerin Angela Merkel kam auch. Aber man hat sie beinah nicht bemerkt. Die Fanfarenbläser hatten gerade zum Ersten Aufzug geblasen, als Thomas Gottschalk den roten Teppich vor dem Festspielhaus betrat: Da tobten die Zaungäste (immerhin fast so viele, wie das Festspielhaus Zuschauer fasst!). Zwei Minuten später kam die Kanzlerin, dann auch ihr Vize, Guido Westerwelle. Irgendwann auch Österreichs Innenministerin Fekter. Doch da war das Gedränge um Gottschalk noch immens. Er wurde heftiger beklatscht als Veronika Ferres, Gloria von Thurn und Taxis oder Sebastian Koch, der freilich weibliche Teenager in Ekstase versetzte: „Der hat ja 'nen Dreitagesbart!“ Gottschalk bleibt doch Lokalmatador. Kunststück, er stammt aus Kulmbach, der Bayreuth nächstgelegenen Brauerei-Stadt!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2010)

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