Das hohe C auf hoher See: Klassikluxus

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Zum Beispiel kann er einen Weltklassetenor wie Micheal Schade hören, wenn er bei Windstärke neun an Bord eines Luxusdampfers Schubert-Lieder singt.

(c) AP (ANDREAS SCHAAD)

Was heißt schon Regietheater? Auf der Bühne die anstrengendsten Gelenkigkeitsübungen zu veranstalten, während komplizierte Arien zu singen sind, das gehört für Opernsänger bekanntermaßen seit Jahrzehnten zur Pflicht. Jetzt folgt die Kür: Singen Sie doch einmal Schubert-Lieder – bei Windstärke neun auf einem Hochseedampfer!

Michael Schade kann das. Er hat es jüngst wieder bewiesen, als auf der MS Europa, dem fashionablen Flaggschiff von Hapag Lloyd, das „Ocean Sun Festival“ abgehalten wurde. Auf der Kreuzfahrt, die den Luxus-Liner rund um die britischen Inseln führte, sang der Tenor just während der Überfahrt von Deutschland nach Schottland, als es gehörig schaukelte.

Und doch: Begleitet von dem einfühlsamen Pianisten Stephen Ralls sang Schade so subtil und feinsinnig differenziert wie im besten Konzertsaal– mit festem Boden unter den Füßen.

Größeren Luxus gibt's nicht. Michael Schade ist aus dem vielseitigen Klassikprogramm an Bord jenes Schiffes, von dem die Werbung behauptet, es sei „die schönste Jacht der Welt“, nicht mehr wegzudenken. Wer nach einer solchen Klassikreise von Bord geht, bestätigt den Wahrheitsgehalt des Slogans gern. Die MS Europa bietet zu allem Kreuzfahrerluxus ganz offenkundig auch das allerbeste Konzertprogramm, das sich denken lässt.

In Dublin ging man diesmal zur Halbzeit der Kreuzfahrt von Bord, um in der dortigen Festival Hall ein Konzert zu geben. Neben Michael Schade standen dann auch noch Magdalena Kožená (als Mozarts Cherubin und Bizets Carmen) und die junge deutsche Sopranistin Christiane Karg auf dem – diesfalls bewegungsfreien – Podium.

Und Ariel Zuckermann, der an Bord mit dem formidablen Streichquartett der Münchner Philharmoniker als Flötist musiziert hatte, übernahm den Taktstock und erwies sich am Pult des St Cecilia Orchestra nicht nur als exzellenter dirigentischer Begleiter der Sänger, sondern auch als symphonischer Gestalter von Format: Die Aufführung von Joseph Haydns Pariser Symphonie „La Reine“ (Hob I/85) geriet spritzig, geschmeidig und im tiefsten Sinne amüsant.

Lob der Musikkritik. So folgerte denn die irische Musikkritik anderntags, es sei „schade, dass ein Kreuzfahrtschiff anlegen muss, damit in Dublin ein solches Konzert stattfinden kann“.

Es kommt natürlich immer darauf an, welches Schiff da anlegt, möchte man entgegnen.

Die Künstler veredelten im Rahmen des „Ocean Sun Festivals“ auch an Bord manchen Nachmittag und Abend. Christiane Karg beispielsweise gab einen Liederabend, der in seiner vollendeten Harmonie aus Sprach- und Vokalbeherrschung Schades kühnem Wellenritt in nichts nachstand. Und das Publikum war sich sicher: Aus dem Amor von Riccardo Mutis diesjähriger Salzburger-Festspiel-Produktion des Gluck'schen „Orfeo“ wird mit Sicherheit demnächst eine der begehrtesten lyrischen Sopranistinnen unserer Zeit. Ihre Dauerverpflichtung im Frankfurter Opernensemble hat Christiane Karg jedenfalls schon auf die halbe Spielzeit minimiert.

Igor Levit: Pianist zu entdecken. Eine junge Sopranistin entdeckt zu haben, das war eine der neuen Erkenntnisse, die die Musikfreunde von Bord mitnehmen durften. Eine weitere: Eleonore Büning, die wortgewaltige Musikrezensentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte recht, als sie vor Kurzem ihren staunenden Lesern einen Pianisten empfahl, dessen Namen zuvor noch kaum einer gekannt hatte. Der 23-jährige Igor Levit sei jetzt schon einer der bedeutenden Interpreten unserer Zeit, hieß es da.

Das ist wahr, möchte man nach dem „Ocean Sun Festival“ einstimmen. Levit machte mit dem Münchner Philharmonischen Quartett und mit Ariel Zuckermann hinreißend Kammermusik: Sogar ein Programm mit Flötenwerken von Frank Martin und Serge Prokofieff empfanden die meisten Hörer dank dieser beiden Musiker als kulinarisch! Der Pianist erwies sich aber auch in Liszts „Transzendenten Etüden“ – er spielte alle zwölf – als Künstler, der mit Bravour alle technischen Kniffligkeiten löst.

Demnächst „Presse“-Musiksalon. Bei aller Virtuosität macht Levit jedoch immer voll Poesie Musik. Ob der Husarenritt „Mazeppas“ oder der dunkel-ekstatische Farbenzauber der „Harmonies du soir“ – der junge, aus Russland gebürtige Mann aus Hannover malt die klingenden Bilder anschaulich und mit meisterlicher Präzision.
„Presse“-Leser werden den jungen Pianisten übrigens kennenlernen dürfen: Im ersten „Musiksalon“ des Liszt-Jahres 2011 wird er im Gläsernen Saal (10. Jänner) eine Auswahl der Transzendenten Etüden spielen; ein Wien-Debüt zum Jubiläums-Jahr.

Was das Klavierspiel betrifft, war man heuer dank des ungemein vielseitigen Stephen Ralls auch bei den übrigen Konzerten verwöhnt. Ob Liederabend, Kammermusik oder Instrumentalbegleitung: Ralls fand sich – wie Hofmannsthal es von seiner Zerbinetta sagen lässt – „in jeder Situation zurecht“. Er reüssierte auch an der Seite des jungen britischen Klarinettisten Julian Bliss, der Raritäten aus seiner Heimat, aber auch aus Frankreich mitgebracht hatte und bewies, wieviele – zum Teil höchst spritzige – Facetten die musikalische Moderne jenseits der „Wiener Schule“ aufzuweisen hat.

Da swingte mancher im Auditorium mit, als es um Werke des „River Kwai“-Schöpfers Malcolm Arnold ging, und lauschte verzückt der eigenwilligen Mixtur aus Unterhaltungsklängen und beherrschtem Klassizismus bei Francis Poulenc.

Im Übrigen war Romantik jeglicher Couleur an Bord der MS Europa während des Festivals 2010 großgeschrieben: Die Musiker der Münchner Philharmoniker, die mit Levit das Dvořák-Quintett zum Auftakt musiziert hatten, fanden sich in der Folge noch für eine Aufführung von Franz Schuberts spätem Streichquintett mit dem Cellisten Gautier Capuçon zusammen, eine perfekte Paarung, denn Capuçon harmonierte mit dem Quartett perfekt.

Harmonie macht süchtig.
Nicht nur, weil Primgeiger Clément Courtin, Igor-Oistrach-Schüler, aus Lille stammt, sondern auch, weil sich mit dem Quartett-Cellisten Sven Faulian ganz offenkundig sogleich Harmonie einstellte. Diese Harmonie ist es, die das Publikum und offenbar auch die Künstler bei derartigen Gelegenheiten suchen. Michael Schade ist geradezu verliebt in die Atmosphäre an Bord – er hat sich nach seinen ersten Gastspielen beim „Ocean Sun Festival“ gleich Gedanken gemacht, wie diese Atmosphäre in künstlerisches Kapital umzumünzen wäre – und erfand im Dialog mit Hapag-Lloyd-Boss Sebastian Ahrens das zweite Klassik-Event für die „schönste Jacht“, einen Gesangswettbewerb.

„Als ob es nicht schon genug Sängerwettbewerbe gäbe“, witzelt er selbst, auf das Unternehmen angesprochen, „aber die Wahrheit ist, dass man an Bord einen völlig anderen Zugang zu den jungen Künstlern gewinnt als bei einem der üblichen Vokalwettkämpfe, bei denen jeder auftritt, eine Arie singt und dann wieder in der Anonymität verschwindet.“

So entstand „Stella Maris“, die in der Tat einzigartige Gelegenheit, einige junge Sänger, die gerade dabei sind, sich im Opern-Business zu etablieren, genauer kennenzulernen.Im Vorjahr wurde das Projekt erstmals realisiert.

Sängerwettbewerb auf See.
Heuer findet „Stella Maris“ im November – auf der Reise von Istanbul nach Dubai – statt. Und wieder werden einige der wichtigsten Opernhäuser der Welt – von Hamburg bis zur New Yorker Met – die herausragenden Talente ihrer Opernstudios entsenden, damit sie sich einer hochkarätigen Jury unter dem Vorsitz Schades stellen.

Auch für die kommenden Jahre hat Hapag Lloyd das „Ocean Sun Festival“ und den Gesangswettbewerb auf der MS Europa fix eingeplant. Das hohe C auf hoher See wird zum Markenzeichen – und nach dem Sensationserfolg des Konzerts in Dublin darf man sicher sein, dass 2012 (Ocean Sun heißt es dann in der zweiten Septemberhälfte im Mittelmeer) mehr Konzerte auch an Land stattfinden werden. Und, natürlich, dass Michael Schade Fixstarter dabei sein wird...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2010)

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