Klingende Camouflage im Konzerthaus

Das Emerson String Quartet mit Elisabeth Leonskaja: Ein tolldreistes Risiko. Elektrisierende Spannung zeichnet die Auftritte des Quartetts seit 35 Jahren aus.

Klingende Camouflage Konzerthaus
Klingende Camouflage Konzerthaus
Elisabeth Leonskaja – (c) EPA (JAVIER ETXEZARRETA)

Jeder Ton sei kalkuliert, in keinem Takt ginge Dmitri Schostakowitsch ein Risiko ein, schrieb einst Prokofieff über das Klavierquintett g-Moll op. 57 seines Kollegen. Mit vollem Risiko hingegen stürzten sich das Emerson String Quartet und Elisabeth Leonskaja Freitag im Konzerthaus in dieses 1940 entstandene Werk der Extreme. Vor 16 Jahren hat die Pianistin mit dem Borodin Quartett eine CD-Einspielung von vergleichsweise klassizistischer Ausgewogenheit geliefert.

Nun allerdings stachelten einander die Musiker im zentralen Scherzo zu fast ungezügeltem Sarkasmus auf und schärften damit die Kontraste zu den übrigen Sätzen: Rund um die tolldreiste Tanztrivialität herrschen vor allem Anklänge an strenge Kontrapunktik, doch stiehlt sich die Musik zuletzt auch mit hemdsärmeliger, nach dem Vorangegangenen fast absurd anmutender Geste davon, als könnte sie kein Wässerchen trüben – klingende Camouflage.

 

Die Geiger spielen im Stehen

Solch elektrisierende Spannung zeichnet die Auftritte des Emerson-Quartetts seit 35 Jahren aus. Dass im Quartettrepertoire aus klanglichen Gründen nur der Cellist im Sitzen spielt und die beiden Geiger sich von Werk zu Werk an ihren Pulten abwechseln, war einst ungewöhnlich, hat aber bei jüngeren Ensembles längst Schule gemacht. Der Verzicht auf einen fixen Primarius ist bei Emerson freilich keine bloße demokratische Geste, sondern hat auch musikalische Auswirkungen, da die Geiger etwa in ihrem Portamento-Stil deutlich unterscheidbar sind.

Doch die vier Individualisten können dennoch fabelhaft an einem Strang ziehen. Das kam eingangs auch Mendelssohn zugute, dessen klassizistisch orientiertes Quartett op. 44/3 im Vergleich zur Einspielung der Emersons herber, spröder dargeboten wurde, ohne freilich durchgehend zu fesseln.

Das gelang bei Bergs Opus 3: Packend, wie hier zwischen süffigen Kantilenen und gespenstischen Klängen „am Steg“ die erwachte Moderne formale Fesseln abstreift. Jubel. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2011)

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