Plácido Domingo: Ein Doge mit viel Autorität

Verdis "Simon Boccanegra", endlich auch in Wien mit Plácido Domingo in der Titelpartie: Ein fast rundum geglückter Saisonstart – obwohl der Tenorissimo nach wie vor kein Bariton ist. von Walter Weidringer

Plcido Domingo Doge viel
Plcido Domingo Doge viel
Placido Domingo – (c) AP (Israel Leal)

Simone, i morti ti salutano – die Toten grüßen dich!“, wirft der alte Fiesco dem verhassten Dogen Boccanegra entgegen, wenn er sich dem einstigen Geliebten seiner Tochter zu erkennen gibt, deren Tod vor 25 Jahren er ihm anlastet. Fiesco weiß bereits, dass Boccanegra sterben wird, an einem langsam wirkenden Gift des bereits verurteilten Verschwörers Albiani: Wir sind längst Zeuge der mörderischen Wirkung, welche die Droge auf das ahnungslose Opfer ausübt.

Wenn es auch hauptsächlich der natürliche Schweiß gewesen sein mag, den Plácido Domingo sich da zunächst immer wieder aus dem Gesicht gewischt hat, trug dies doch zur Glaubwürdigkeit seiner Darstellung bei – einer Darstellung, die in einer auf eineinhalb Akte ausgedehnten Sterbeszene kulminierte. Mit welch vitaler Präsenz er diese erfüllt, wie subtil er sein Siechtum steigert, um zuletzt effektvoll aus dem Stand zu Boden zu stürzen – das sucht seinesgleichen.

 

Jubel auch vor den Videowänden

Disziplin, Fleiß und eine gewisse Lust an künstlerischen Rekorden haben Domingo stets ausgezeichnet. Knapp zwei Jahre nach seinem Debüt in Berlin als Simon Boccanegra konnte er diese seine erste (und neben dem später hinzugekommenen Rigoletto eindeutig bessere) Alterspartie im Baritonfach nun zum Auftakt von Dominique Meyers zweiter Saison auch in Wien präsentieren – wobei das Publikum nicht nur in der Staatsoper, sondern auch vor den Videowänden auf Karajan- und Rathausplatz den verdienten Jubel anstimmte. Zwei Dinge fallen im Vergleich zu damals auf. Dem unermüdlich scheinenden Star, der im sechsten Bühnenjahrzehnt steht und auch schon eine Darmkrebsoperation hinter sich hat, ist die körperliche Anstrengung eines Auftritts, bei aller klugen Einteilung der Kräfte, doch schon etwas deutlicher anzumerken. Das kann die Bewunderung für das Phänomen Domingo freilich nur steigern. Aber: Bariton ist er nach wie vor keiner. Freilich verfügt er über alle für die Partie nötigen Töne, doch klingt er, wie Domingo im Herbst seiner Karriere einfach klingt: stark nachgedunkelt, trotz bequemer Lage stellenweise nicht mehr ganz mühelos und geschmeidig, aber vor allem wie ein genuiner Tenor. Das ändert an manch wesentlichen Stellen die Gewichtung, nicht immer zum Vorteil des Ausdrucks: Es ist eben ein fundamentaler und von Verdi selbstverständlich einkalkulierter Unterschied, ob eine Phrase gleichsam von den Turmzinnen einer Baritonburg oder aus tenoraler Beletage daherkommt, auch wenn die absolute Tonhöhe dieselbe ist.

Der Intensität von Domingos Vortrag an sich tut das keinen Abbruch. Den jungen Simon im Prolog kann er gut simulieren, fühlt sich freilich danach wohler: als liebender Vater, der unverhofft seine verschollene Tochter Maria wiederfindet, als Doge mit enormer Autorität. Den vielleicht stärksten Eindruck aber hinterlässt er in der Fluchszene: Boccanegra weiß, dass es sein Kanzler Paolo Albiani war, der Maria entführen wollte. Anstatt ihn aber offen anzuklagen, zwingt er ihn, den angeblich erst auszuforschenden Täter zu verfluchen – gemeinsam mit ihm selbst, dem Rat und dem Volk von Genua. Beängstigend, wie Domingo da den ätzenden Ton eines abgrundtief verletzten, seine Wut kaum verbergenden Othello anschlägt, den er selbst so oft verkörpert hat. Schade nur, dass Eijiro Kai hier über seinen Rang als verlässliches Ensemblemitglied nicht hinauswachsen konnte: Sein untadelig gesungener Paolo wirkte zu leichtgewichtig, um als der kleinere Gegenspieler des Dogen restlos glaubwürdig zu sein. Da ist Ferruccio Furlanetto schon aus anderem Holz geschnitzt, der den Fiesco auch stimmlich wieder auf grollender Zurückhaltung und berechnend abwartender Rachsucht fußen ließ.

 

Tadelloses Orchester

Auch das junge Liebespaar war in guten bis passablen Händen: Als Maria war Barbara Frittoli zu erleben, die bekanntlich alles andere als eine instrumental anmutende Stimme ihr Eigen nennt, das dort und da üppig werdende Vibrato aber durchaus im Zaum halten kann und lyrische Qualitäten beweist, während es Einspringer Massimiliano Pisapia mit seinem hellen, nicht allzu flexiblen Tenor als Gabriele Adorno eher ins Heldische, manchmal Forcierte drängte.

Dass der Abend insgesamt aber so homogen und stimmungsvoll geriet, war nicht zuletzt Paolo Carignani am Pult zu danken, der mit dem braven übrigen Ensemble, dem tadellosen Orchester sowie dem sauber und akkurat singenden Chor Verdis dunkle Kantilenen stets im richtigen Fluss hielt. Noch am 6.9., 19 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2011)

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