Gergiev mit fröhlichem russischen Allerlei

Harte Akkorde und unartige Scherze gab es diesmal im Wiener Musikverein zur traditionellen Sonntagsmatinee.

Gergiev froehlichem russischen Allerlei
Gergiev froehlichem russischen Allerlei
Valery Gergiev – (c) EPA (Urs Flueeler)

Russisch in allen Facetten sprachen die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev in ihrem sechsten Abonnementkonzert. Mit Prokofievs „Symphonie classique“ hob das Konzert an, jener an sich luftig leichtfüßigen Reminiszenz an die Wiener Klassik und vor allem an Haydn, von dessen Geist diesmal, vor allem im doch etwas schwerfällig beginnenden Allegro des ersten Satzes wenig zu spüren war.

Kompakt, wenn auch sauber exekutiert, klang die zauberhafte Petitesse insgesamt. Weniger dicker orchestraler Auftrag und Nachdruck wäre da womöglich mehr gewesen. Immerhin war damit der Kontrast zum zentralen Hauptstück des Vormittags etwas nivelliert. Denn an zweiter Stelle folgte mit Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert wohl das Juwel der romantischen Klavierkonzert-Literatur. Als Solisten hatte man dafür den 1991 in Nischni Nowgorod geborenen Daniil Trifonov eingeladen.

 

Daniil Trifonov, vielfach preisgekrönt

Damit bot sich für Besucher des Musikvereins ein durchaus interessanter Vergleich, hat doch Trifonov, hinter dem zweitplatzierten Kärntner Ingolf Wunder, beim letzten Chopin-Wettbewerb 2010 in Warschau den dritten Platz belegt. (Wunder konnte erst am Freitag im Brahmssaal seine Chopin-Kompetenz unter Beweis stellen.)

In der Saison 2010/11 zog Trifonov außerdem aus, um weiters beim Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv den ersten Preis, und den Grand Prix beim 14. Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau einzuheimsen.

Im Musikverein stellte er sich jedenfalls als ganz konträres pianistisches Temperament bei Tschaikowsky vor. Mit ungebremstem jugendlichen Elan, mit großem Spaß an der eigenen Virtuosität, mit voller Wucht und Härte stürzte er sich in das Akkordgewitter und durch die Oktavkaskaden, fand aber dann doch in den leiseren Momenten auch zu klaren, feineren Tönen.

Entsprechend orchestral auftrumpfend begleiteten ihn die Philharmoniker unter Gergiev, und auch wenn etwa im zweiten Satz nicht alle punktgenau gemeinsam ins Ziel kamen, am Ende wurden Orchester und Solist für diesen proper besorgten Wunschkonzert-Moment herzlich gefeiert.

Erst im Jahr 1995, bei den Bregenzer Festspielen, erlebte Nikolai Rimski-Korsakows „Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“ ihre späte österreichische Erstaufführung. Insofern stellte sich die Begegnung mit der aus dieser Oper ausgekoppelten Suite als reizvolle Angelegenheit dar. Ein einnehmender Digest, der Lust auf mehr machte, dem Orchester – auch mit einigen Wagner-Anklängen – schöne Momente philharmonischen Auftrumpfens bot, und Gergiev die Möglichkeit, etwa in der Schlachtenszene und zum Finale, die Orchestermaschinerie so richtig hochfahren zu können. Rodion Schtschedrins „Naughty Limericks“, beendeten dann als rhythmisch flotter Kehraus den Vormittag. Immerhin, Fasching ist, und bald bitten die Philharmoniker wieder zum Ball. mus

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

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