Paul Badura-Skoda: Unverzärtelte Melodik

KritikDer Pianist Paul Badura-Skoda wird 90.

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Unglaubliche 90 wird Paul Badura-Skoda dieser Tage – und feiert mit ­seinem Publikum stilgerecht im großen Musikvereinsaal: Am 15. Oktober spielt der Doyen der wienerischen Pianisten Beethoven. Dass er sich lange Zeit nicht aufs Wiener Repertoire fixieren lassen wollte, davon zeugt eine Gramola-CD, die zwei Aufnahmen der großen Klaviersonate Franz Liszts enthält, eine 1965 live in der New Yorker Carnegie Hall entstanden, die andere 1971 im Studio in Wien.

Beide dokumentieren Badura-Skodas Stil, vor allem seine geradezu holzschnittartig klare Technik, die mit einem untrüglichen Sinn für eine Melodik einhergeht, die nichts verschwimmen lässt. Jeder einzelne Ton darf, für sich genommen, schön klingen – Phrasen werden, wenn man so will, auf diese Weise zu tönenden Perlenketten. Diese scheinbare Paradoxie verleiht Badura-­Skodas Spiel unverwechselbaren Charme – und sichert ihm vor allem Freiheit von jeglichem Kitschverdacht im hochromantischen Repertoire.

Liszt. Die h-Moll-Sonate, 1965 und 1971 von Paul Badura-Skoda gespielt.
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Liszt. Die h-Moll-Sonate, 1965 und 1971 von Paul Badura-Skoda gespielt.
Liszt. Die h-Moll-Sonate, 1965 und 1971 von Paul Badura-Skoda gespielt. – (c) Beigestellt

Expressiv. Der große Bogen, mit dem der „langsame Satz“ der Sonate (ab Takt 330) gelingt, ist in der Studioproduktion außerordentlich, während die einzelnen Atemzüge in der Live-Aufführung spontan und rhythmisch völlig frei immer neue Energieschübe einzuholen scheinen, was zu höchster expressiver Kraftentfaltung führt. Die Stretta vor dem verklingenden Schluss wiederum scheint in der Live-Aufführung förmlich zu explodieren, hatte der Pianist doch damals, wie er selbst schreibt, „Wut im Bauch“: Die Kritik hat ihn oft nicht ausreichend gewürdigt. Doch bringt Universal zum Jubiläum eine CD-Sammlung von Einspielungen aus der Westminster-Zeit heraus, die nebst den legendären Duo-Sitzungen mit Jörg Demus oder den Beethoven-Konzerten unter Hermann Scherchen auch etwa ­Tschaikowskys b-Moll-Konzert unter Adrian Boult enthält – eine erfrischend „unkitschige“ Lesart dieser Partitur: Dem geradezu fröhlich hüpfenden Horn-Beginn folgt auch eine gänzlich unsentimentale Streicherkantilene – wobei Badura-Skodas Soloeinsatz mit dem rhythmisierten Thema dann von wirklich mitreißendem Schwung ist – quasi die rückwirkende Rechtfertigung eines stilistisch höchst ungewohnten Satzbeginns...

Keine Stildiskussionen gab es von jeher, wenn dieser Künstler Mozart oder Schubert spielte, ebenso unverzärtelt und unsentimental, weil er stets den analytischen Blick aufs Notenbild geschärft hat und ihn für editorische wie interpretatorische Zwecke zu nutzen versteht. Zu seinem Geburtstag verbeugt sich die Musikwelt vor einem uneitlen Diener seiner, der allergrößten Herren.

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