Karajan: Beethoven-Höhenflüge

Kritik Karajans 2. Berliner Symphonienzyklus, neu digitalisiert.

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Noch einmal das Thema: Digitale Wiederaufbereitung historischer Aufnahmen. Die Deutsche Grammophon ist derzeit hochaktiv in dieser Causa. Gegenstand des jüngsten Relaunches sind wieder einmal die neun Beethoven-Symphonien, und zwar der zweite der drei Berliner Zyklen Karajans. Er erschien zum Beethoven-Jahr 1977 und markierte in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Herbert von Karajan war damals gerade durch eine ernste Lebenskrise gegangen. Ende 1975 musste er sich einer Bandscheibenoperation unterziehen, die sich als lebensgefährlich entpuppte. Das folgende Jahr war von Problemen überschattet, die während der Osterfestspiele 1976 in unangenehmen menschlichen Auseinandersetzungen mit Sängern der „Lohengrin"-Besetzung gipfelte. Das Vorhaben, die neun Beethoven-Symphonien nach der legendären Einspielung vom Anfang der Sechzigerjahre mit den Berliner Philharmonikern noch einmal aufzunehmen, war 1975 gefallen – und zwar angesichts der neuen, wie sich zeigte aber kurzlebigen, Technologie der Quadrofonie. Aus dem vierkanaligen Unternehmen wurde nichts, und auch die Stereoaufzeichnungen mussten wegen Karajans Krankheit unterbrochen werden. Der Großteil der Aufnahmen, die im Herbst 1977 in einer vom Dirigenten signierten Sonderauflage herauskam, waren nach der Rekonvaleszenz entstanden. Manche von ihnen zeigen, wiewohl die Zeitgenossen spöttelten, wozu diese Neuaufnahmen denn nötig gewesen seien, einen anderen Karajan. Einen Musiker, der zwar nach wie vor imstande war, einen nie nachlassenden dramaturgischen Bogen über Riesengebilde wie den ersten Satz der „Eroica" zu spannen, der sich und den Musikern aber auch den freien, geradezu entmaterialisierten Flug gönnte, den man gemeinsam im Adagio der Neunten erreicht.

„Karajan Beethoven“. Neu in Dolby Atmos.
„Karajan Beethoven“. Neu in Dolby Atmos.
„Karajan Beethoven“. Neu in Dolby Atmos. – (c) Beigestellt


Liveatmosphäre. Dieser Satz zählt zu den Höhepunkten der Karajan-Diskografie und ist nicht oft in solcher Vollkommenheit zu hören. Die Studioproduktion erreicht hier das Niveau einer inspirierten Liveaufführung ohne deren zwangsläufige Imperfektion. Wie auch immer: Die DG-Techniker präsentieren diesen Zyklus nun als Flaggschiff von Editionen in einer neuen Technologie: Dolby-Atmos soll Hörern einer
Surround-Anlage ein besonderes Raumklanggefühl vermitteln. Noch spannender finden audiophile Hörer wohl die Tatsache, dass die Pure-Audio-Blu-Rays auch einen Stereoumschnitt in 192 kHz/24 Bit-HD enthalten. Und der kommt tatsächlich in die Nähe der akustischen Höhenflüge der analogen Originale . . .

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