Debussy als Ahnherr der Musikmoderne

KritikDie Harmonia-Mundi-Edition mischt Aufnahmen mit modernen und historischen Instrumenten.

Isabelle Faust, Alexander Melnikov et al.: „Debussy – The Late Works“
Isabelle Faust, Alexander Melnikov et al.: „Debussy – The Late Works“
Isabelle Faust, Alexander Melnikov et al.: „Debussy – The Late Works“ – (c) Harmonia Mundi

Von den Veröffentlichungen des Debussy-Gedenkjahrs 2018 ist die Edition von Harmonia Mundi die interessanteste. Wagten die Herausgeber doch den Balanceakt, Aufnahmen auf historischem Instrumentarium mit solchen auf modernen Instrumenten zu mischen. Von Box zu Box erwartet den Hörer ein neues akustisches Abenteuer. Da sind Aufnahmen wie jene des zweiten Bands der „Images“ oder der „Suite bergamasque“ durch Nikolai Lugasky, der mit subtiler Anschlagskultur und Gefühl für die tausendfältigen koloristischen Schattierungen dieser Musik an große Vorbilder – voran Walter Gieseking – heranreicht, ohne je in geschmäcklerische Klangspielerei zu verfallen.

Andererseits musiziert Alexander Melnikov die „Préludes“ auf einem Érard-Flügel aus den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts und setzt damit auf eine instrumentale Koloristik, wie sie dem Komponisten selbst zur Verfügung gestanden ist. Es ist ein völlig anderer, fragilerer Ton, der sich hier bietet. Für Kenner wie für Musikfreunde, die ihren Debussy erst zu entdecken haben, ein spannendes Vergleichsabenteuer mit tatsächlich historischer Dimension.

Das Nämliche bieten die Orchestereinspielungen der Serie, so hört man den frühen Geniestreich des „Faun“ (gekoppelt mit „La Mer“) vom Philharmonia Orchestra (unter Pablo Heras-Casado), aber ebenso von François-Xavier Roth und seinen „Les Siècles“ gekoppelt mit der rätselhaft vertrackten späten Ballettmusik „Jeux“ und den „Nocturnes“.
Eine schöne Abrundung bildet die jüngst erschienene CD mit den letzten Kompositionen des Meisters, den drei Sonaten und einigen versprengten Klaviersolostücken, darunter ein melancholisches Albumblatt für den Kohlenhändler, der in den schweren Kriegsjahren 1916/17 für Debussys Versorgung mit Brennstoff garantiert hat.

 

Korrektur historischer Rubrizierungen

Die melancholische Atmosphäre der drei wunderbaren Kammermusikwerke, die Debussys Œuvre-Katalog beschließen, wird durch die von Tanguy de Williencourt sensibel modellierten Klavierintermezzi dramaturgisch gefasst. Das macht diese CD, als Einheit gehört, zu einem aufschlussreichen Erlebnis, zumal die Sonaten exquisit gespielt werden: Isabelle Faust und Alexander Melnikov (wiederum in „historischer“ Dimensionierung) musizieren die Violinsonate, Jean-Guihen Queyras und Javier Perianes mit viel Gespür auch für verborgene humorvolle Nuancen die Cellosonate.

Gleich die ersten Takte der Aufnahme des Trios für Harfe, Bratsche und Flöte mit Xavier de Maistre, Antoine Tamestit und Magali Mosnier stehen idealtypisch für die behutsame Klangregie der ganzen Harmonia-Mundi-Serie: Die Abmischung der Harfenobertöne mit Bratsche und Flöte ist feinsinnigst modelliert. Dabei bleiben die Interpreten nie dem Selbstzweck akustischer Farbenspielerei verfangen, die Musik hat durchwegs ihren Puls und spricht der ohnehin fragwürdigen Einordnung Debussys in einen irgendwie verschwommen-unklaren „Impressionismus“ Hohn. Nicht von ungefähr hat einst Pierre Boulez diesen Komponisten als einen der Ahnherren der musikalischen Moderne bezeichnet. Auch dieser Einschätzung wird die CD-Edition gerecht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)

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