Schauermärchen und schreckliche Gespinste

„Mary Mother of Frankenstein“ von Marie-France Collard und Claude Schmitz umspannt Vergangenheit und Gegenwart eines vielfältig verarbeiteten Stoffes: von einer Ausgeburt der Romantik zur modernen Reproduktionsmedizin.

Schauermaerchen schreckliche Gespinste
Schauermaerchen schreckliche Gespinste
Fotos: uni v ersal pictures/album, AP Photo/ uni v ersal studios home ent ertainment

Das Monster ist seinem Schöpfer entkommen. Am Ufer eines Gewässers trifft es ein kleines Mädchen. Dieses begegnet dem hässlichen Kerl völlig unbefangen. Die beiden freunden sich an. Nur kurz: Das Monster wirft das Kind ins Wasser. Was in Hitchcocks "Psycho" die berühmte Duschszene ist, ist in "Frankenstein" (1931) von James Whale mit dem Monster aller Monster, Boris Karloff, die Sequenz mit dem Kind am See. Fast unendlich viele filmische Annäherungen gibt es an die Geschichte. Amüsant ist es, die Ausschnitte auf der Internetplattform Youtube durchzuzappen. Spannend sind speziell die Comics, sogar japanische Manga sind dabei. Beim heurigen Young Directors Project der Festspiele ist "Mary Mother of Frankenstein" die Produktion mit dem bekanntesten Titel. Um Frankenstein- Erfinderin Mary Shelley und ihr Geschöpf herum haben die Doku- und Theaterfilmerin Marie-France Collard und der Regisseur Claude Schmitz eine Performance gebaut, die sich mit den verschiedenen Bedeutungen der Geschichte befasst. Shelleys Geschichte ist für sich genommen schon spektakulär: Die Tochter des Sozialphilosophen und Begründers des politischen Anarchismus William Godwin wurde 1797 in London geboren. Ihre Mutter, die Feministin und Schriftstellerin Mary Wollstonecraft, starb kurz nach Marys Geburt. 1814 verliebte sich die 16-jährige Mary in den verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley. Sie erlebte gesellschaftliche Ächtung, den frühen Tod all ihrer Kinder bis auf einen Sohn und das Ende des Gatten, der bei einem Bootsunfall ertrank. 1816, in einem Jahr ohne Sommer, verursacht durch einen Vulkanausbruch in Indonesien, der zu heftigen Regenfällen und Missernten in Europa führte, hielt sich Mary Shelley mit Lord Byron, der eine Liebschaft mit ihrer Stiefschwester Claire Clairmont hatte, und ihrem Gefährten Percy am Genfer See auf. Wegen des apokalyptischen Wetters war die Gruppe ans Haus gefesselt. Man entwarf Gespenstergeschichten. Mary Shelleys Beitrag war "Frankenstein oder der moderne Prometheus". Der Untertitel spricht bereits den Schöpfungsmythos an. Die auch sonst fruchtbare Schriftstellerin starb mit 53 an einem Gehirntumor, die Ursache: ihr Zwiespalt zwischen Intellektualität und Familie, wie behauptet wurde. Die beiden Pole weiblichen Lebens bereiten auch heute noch Kopfzerbrechen. Shelleys Vita ist in einem neuen Buch "Die fantastischen 6", herausgegeben von Charlotte Kerner, knapp und prägnant nachgezeichnet, gemeinsam mit Biografien anderer Autoren fantastischer Literatur, von Bram Stoker ("Dracula") über Stanislaw Lem ("Der futurologische Kongress") bis Stephen King.

Doch nicht nur die Bezüge zu Mary Shelleys Lebensthemen (z. B. die Wiedererweckung der Toten, die in ihrer Familie so zahlreich waren) und zu den Strömungen ihrer Zeit (Romantik, Galvanismus, Evolutionslehren des Erasmus Darwin, Großvater des großen Charles) interessierten die Macher von "Mary Mother of Frankenstein", sondern auch die aktuellen Debatten über Genforschung und Reproduktionsmedizin.

Einiges Aufsehen erregten hier "Frankenstein und die Delirien der Vernunft" von der Psychoanalytikerin Monette Vacquin. Sie verurteilt in ihrem Buch "Main basse sur les vivants" (ungefähr: Hände weg vom Lebendigen) "die undurchsichtige und unheimliche Verbindung zwischen industrieller Züchtung und Geburtshilfe" und fragt sich, wie Wissenschaftler, die während des Krieges oder danach geboren wurden und aktive Antifaschisten waren, der Welt "die Werkzeuge einer hirnrissigen Eugenik" zur Verfügung stellen konnten. Für Vacquin ist das Klonen Ausdruck kindlicher Allmachtsfantasien und eine verkappte Umgehung des Inzestverbotes. So folgen Fertilitätszentren einem ausgeklügelten Selektionssystems in puncto Qualität und Häufigkeit in der Verwendung der Spermien.

Um nichts weniger als um Leben und Tod geht es also in den bildermächtigen Performances von Claude Schmitz für "Le Groupov", eine englisch- belgischen Formation. "Mary Mother of Frankenstein" ist der zweite Teil der Tetralogie "Fare Thee Well Tovaritch Homo Sapiens" der Gruppe unter der künstlerischen Leitung des Schauspielers Jacques Delculvellerie. "Le Groupov" befasste sich bisher u. a. mit dem Völkermord 1994 in Ruanda. Schmitz bilanzierte in "Amerika" das Leben nach 9/11 unter Bezug auf Edgar Allen Poe und Howard Phillips Lovecraft (1890 - 1937), Letzterer ein Spezialist für anspruchsvolle Horrorliteratur. Theater muss heute auch firm sein in der Theorie. Theatermacher hauchen der Theorie mithilfe der Kunst Leben ein - und die Kunst nährt sich von der Theorie. Die Romantik probierte allerlei neue Lebensformen, lernen wir - ganz wie heute.

Tipp

"Mary Mother of Frankenstein"

von Marie-France Collard und Claude Schmitz

Premiere: 19. 8. 10 im republic

weitere Vorstellungen: 20., 21. und 22. 8. 2010

Kommentar zu Artikel:

Schauermärchen und schreckliche Gespinste

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen