Philipp Hauß: "30 ist schon bedrohlich"

Burgschauspieler Philipp Hauß ist bei den Salzburger Festspielen als Hippolyt in Racines "Phädra" zu sehen. Mit der "Presse am Sonntag" sprach er über das Künstlerleben und die Angst vor dem Älterwerden.

Philipp Hauss schon bedrohlich
Philipp Hauss schon bedrohlich
(c) Michaela Bruckberger

Sie spielen in Racines „Phädra“ den jungen Hippolyt: Stiefmutter verliebt sich kopflos in Stiefsohn. Peinliche Geschichte – und sehr moralisch.

Philipp Hauß: Hippolyt wird nicht für seine Leidenschaft bestraft. Er wird dafür bestraft, dass er das Geheimnis der Liebe, die seine Stiefmutter für ihn empfindet, bewahrt. Er kommt um, weil er dem Vater nichts von ihrem Geständnis sagt. Ich weiß nicht, ob das so moralisch ist.

 

Was ist für Sie wesentlich an dieser Figur, an diesem Stück?

Bei Racine gibt es diesen dauernden Kampf zwischen dem höfischen Leben, das auch Spaß macht, und dem Jansenismus (die Gnade Gottes betonende Bewegung im Katholizismus des 17./18. Jahrhunderts, Anm.). Hippolyt ist die Figur, die am ehesten mit dem Jansenismus zu tun hat. Er verehrt Artemis, die Venus ignorierend. Das ist die Grundfigur, die es auch schon bei Euripides gibt. Bei Euripides ist Hippolyt nicht gebrochen, bei Racine schon, denn er ist selbst ein Liebender. Er will sich das zuerst nicht eingestehen, aber dann gibt er es ganz offen zu und macht Aricia eine Liebeserklärung.

 

Als Phädra Hippolyt ihre Liebe gesteht, ist er bloß entsetzt. Er denkt nicht daran, sie zu erhören. In einer heutigen Patchworkfamilie wäre das vielleicht anders: Die ältere Frau mit dem jungen Mann, warum nicht?

Also, das glaube ich nicht, dass das in einer heutigen Patchworkfamilie kein Problem wäre. Das ist unabhängig vom Tabubruch – Mutter und Sohn – eine unglaubliche Vorstellung. Außerdem ist die Position des Stiefsohns ein echtes Problem. Das Verhältnis von Hippolyt zu seinem Vater Theseus war viel inniger, bevor diese Frau, Phädra, aufgetaucht ist. Hippolyt hat das Gefühl, dass Phädra die Macht über den Vater übernommen hat.

 

Sie haben zwei Burgtheaterdirektoren erlebt: Klaus Bachler, der Sie geholt hat – und Matthias Hartmann. Gibt es einen Unterschied zwischen den beiden?

Alles steht und fällt mit der Arbeit. Es gab unter Bachler ganz tolle und ganz doofe Aufführungen und unter Hartmann wird es nicht anders sein. Ich finde, man sollte das nicht auf Personen beziehen.

 

Aber wie geht man als Schauspieler mit einem Flop um? Man hat für ein Stück unendlich viel gearbeitet, dann wird es abgesetzt, weil es nicht geht.

Aber manchmal ist es auch eine Zumutung, wenn eine Aufführung nicht gut ist und man sie spielen muss. Prinzipiell finde ich, es ist ein Vorzug, so ein Riesenrepertoire zu haben wie hier am Burgtheater. Das ist der totale Luxus.

 

Wie viele Rollen spielen Sie im Jahr?

Zwischen zwei und vier. Ich habe immer einen Zweijahresvertrag.

 

Hatten Sie niemals Existenzängste? Es ist nicht gerade leicht, sich als Schauspieler durchzubringen.

Ich hätte Existenzängste, wenn ich frei wäre. Das würde mich sehr stressen, wenn ich immer denken müsste: Was mache ich als Nächstes? Darum bin ich nicht frei.

 

Sie machen aber noch andere Sachen, inszenieren, studieren?

Ich schreibe meine Dissertation zu Ende. Ich studiere Philosophie und Kulturwissenschaften. Ich habe auch inszeniert, am Reinhardt-Seminar, wo ich meine Ausbildung gemacht habe: Jelineks „Bambiland“ und Hofmannsthals „Das gerettete Venedig“. Nächste Saison werde ich wieder inszenieren, aber woanders. Was das wird, kann ich noch nicht sagen.

 

Wovon handelt die Dissertation?

Von Wellness. Wie sich diese bis zu den Sechzigerjahren entwickelt hat. Die Frage lautet: Was musste passieren, damit Wellness entstand? Das Verhältnis zum Körper hat sich verändert. Der Körper wird als Regelsystem begriffen, alles wird gemessen, auch der Schlaf, von dem man früher dachte, er sei nur Ruhe und Leere.

 

Früher gab es eine große Körperfeindlichkeit, befördert von der Kirche.

Ich sehe das mehr wie Foucault. Die Körperfeindlichkeit war auch ein Anlass, sich immer wieder mit dem Körper und mit der Sexualität zu beschäftigen. Worauf ich mit meiner Arbeit über Wellness hinziele: Früher dachte man, Menschen ermüden oder altern eben, da kann man nichts machen. Heute denkt man, man kann durch die richtige Information in alles eingreifen. Mit den richtigen Behandlungen, mit der richtigen Haltung gibt es kein Alter mehr und keine Erschöpfung.

 

Glauben Sie das wirklich?

Natürlich nicht. Aber darum geht es nicht, sondern darum, bestimmte Dinge zu beschreiben.

 

Könnten Sie sich vorstellen, etwas ganz anderes zu machen als Schauspiel? An der Universität zu arbeiten oder Regie zu führen?

Nein. Aber ich habe mir auch nie vorstellen können, Schauspieler zu sein.

 

So? Sie sind am Reinhardt-Seminar gleich genommen worden. Das schaffen sehr wenige.

Ja. Ich bin gleich genommen worden, aber das war für mich eine Form von Experiment. Ich dachte, ich geh mal hin und schau, ob das geht. Ich habe schon als Kind gespielt. Aber das, was manche Kollegen beschreiben, dass sie wussten, sie müssten das machen und nichts anderes, das war bei mir anders. Es ist nicht so, dass ich keine Lust aufs Spielen habe. Aber ein Initiationserlebnis gab es bei mir nicht. Ich versuche, alles möglichst fließend zu machen, mich nicht zu sehr festzulegen. Jetzt, mit 30, denke ich mir aber schon manchmal: Was willst du denn jetzt eigentlich?

 

Machen Sie sich Sorgen wegen des Alterns?

30 ist schon bedrohlich. Ich fand es hart, 30 zu werden. Ich musste an Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“ denken. Es verändert sich dann schon was. Früher war ich in vielem der Jüngste. Mit 30 ist man nicht mehr richtig jung. Da gibt es schon eine ganze Generation danach.

 

Sie spielen in Klassikern und modernen Stücken. Gibt es da einen Verdrängungswettbewerb?

Glaub ich nicht. Das Problem bei neuen Texten ist: Sie werden uraufgeführt und dann nicht mehr nachgespielt. Besonders wenn die Uraufführung schlecht war, achtet niemand mehr darauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)

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