Jedermann-Rufer: Die lautesten Männer Salzburgs

Auf ohrenbetäubende 100 Dezibel sollte man es stimmlich schon bringen, wenn man den Jedermann an den Tod gemahnen will. Anlässlich des 90-Jahr-Jubiläums veranstalten die Festspiele ein Rufer-Casting.

JedermannRufer lautesten Maenner Salzburgs
JedermannRufer lautesten Maenner Salzburgs
Tod – (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Eines gleich zur Klarstellung: Sie rufen. Wer schreien sagt, ist unten durch. Gottfried Seer, Marcus Mayr, Christian Leitich und Robert Dürnberger dürfen für sich in Anspruch nehmen, die lautesten Männer Salzburgs zu sein. Ihr Job im Festspielsommer: Jedermann-Rufer.

Wenn Vorstellung für Vorstellung das „Je-der-maaaaaan“ über den Domplatz hallt, dann kippt die Stimmung der fröhlichen Tischgesellschaft. Aus dem lustigen Fest wird ein Totentanz – und nicht nur Jedermann Nicholas Ofczarek bekommt es mit der Angst zu tun.

„Es ist ein Drohruf und muss richtig schaurig klingen“, erzählt Dürnberger, der es auf 120 Dezibel bringt und deshalb den von der Bühne am weitesten entfernten Standplatz hat, jenen auf der Festung. 120 Dezibel – das ist ungefähr so laut wie ein Flugzeugstart oder ein Presslufthammer.

Dass die Rufer ohne Lautsprecher auskommen, ist Ehrensache. Alle vier sind ein eingespieltes Team, das seit Jahren zum Stammpersonal der Jedermann-Version von Regisseur Christian Stückl gehört.


Neben einem ordentlichen Stimmvolumen brauchen die Jedermann-Rufer Ausdauer und Kondition. Gottfried Seer muss für jede Vorstellung zu Fuß auf den Turm der Franziskanerkirche steigen – mit im Gepäck: eine Taschenlampe. Vor einigen Jahren hat ihm nämlich einer der Franziskanermönche irrtümlich das Licht im Turm abgedreht, und der Rufer musste in der Dunkelheit absteigen.

Seer, der vor Jahren ein Jedermann-Rufer-Casting in Neumarkt am Wallersee gewonnen hat und seither im Quartett ist, genießt von seinem Standplatz auf der Turmballustrade einen wunderbaren Rundblick auf die Altstadt und den Domplatz. Er sieht, anders als seine Kollegen Marcus Mayr und Christian Leitich, die aus dem Inneren des Doms rufen, das Geschehen auf der Bühne. Sein größter Feind in dieser Höhe ist Gegenwind, der die Stimme verzerrt und überall hinträgt, nur nicht auf den Domplatz.

Ihren Einsatz erhalten die Jedermann-Rufer per Funk. Aufpassen müssen sie auch, dass die Abstände passen und der Ton zum richtigen Zeitpunkt am Domplatz zu hören ist. „Wenn ich beim dritten Jedermann meines Vorrufers bei „de“ einsetze, dann kommt es richtig an“, weiß Dürnberger aus jahrelanger Erfahrung. Jeder der vier ruft dreimal „Je-der-maaaan“. Ein Einsatz, der nach ein paar Minuten erledigt ist.

Die Männer rufen nicht nur, sondern sind auch für die Glocken zuständig. Mayr und Leitich schlagen mit dem Klöppel die 480 Kilogramm schwere Domglocke, um die letzte Stunde des Jedermann einzuläuten. Und Seer schlägt die Glocke der Franziskanerkirche.

Privat und in ihren eigentlichen Berufen – Seer arbeitet in einem Baumarkt, Mayr ist Jurist, Leitich Lehrer und Dürnberger beim Bundesheer – merkt man nicht, dass es die vier auf ein so gewaltiges Stimmvolumen bringen. Es sind angenehme, ein wenig sonore, aber wenig auffallende Stimmen. Nur: Als Mayr bis vor ein paar Jahren noch zusätzlich als Bühnentechniker beim „Jedermann“ gearbeitet hatte, machte er sich oft einen Spaß daraus, jene Touristen, die sich auf dem Domplatz mit ihren ungeübten Stimmen als Hobby-Jedermann-Rufer versuchten, mit einem richtigen „Je-der-maaaaaan“ zu verschrecken.


Anlässlich des 90-Jahr-Jubiläums des „Jedermann“ auf dem Domplatz veranstalten die Festspiele übrigens ein Rufer-Casting. Für Dürnberger kein Problem: „Wenn es einen Lauteren als mich gibt, lasse ich ihm gerne den Vortritt.“

Ausgefallen ist bisher noch keiner – das ist Ehrensache. Nur einmal habe ein Rufer im Stieglkeller ein paar Biere zu viel getrunken und es dann nicht mehr auf die Festung geschafft, erzählt Mayr – doch das war lange vor seiner Zeit.

Das Casting

Das Jedermann-Casting der Salzburger Festspiele findet am 17.August um 19.30 Uhr auf dem Salzburger Domplatz statt. Anmeldung: jedermann@salzburgfestival.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2010)

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