Salzburger Festspiele: Juroren müssen sitzen bleiben

Was erzählen uns die durchaus erhellenden Turbulenzen beim heurigen Salzburger Young Directors Project? Funktioniert am Ende wieder eine alte Aufgabe der Kunst: Die Provokation?

Salzburger Festspiele: Juroren müssen sitzen bleiben
Salzburger Festspiele: Juroren müssen sitzen bleiben
(c) APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)

Das Young Directors Project (YDP) der Salzburger Festspiele (YDP), das heuer seinen zehnten Geburtstag feiert, ist ein Wettstreit  sogenannter Avantgarde-Gruppen. Sogenannt deshalb, weil es sich hier, wie der Kritiker Wolfgang Kralicek im Vorwort zum heurigen Programm zutreffend anmerkt, nicht um ein Nachwuchsfestival handelt: „Wer hier präsentiert wird, ist schon ein fertiger Künstler,“ so Kralicek.

Das YDP ist dennoch bemerkenswert: Erstens findet diese Off-Schiene bei den sonst eher elitären Salzburger Festspielen statt, zweitens wird das Programm ermöglicht von Montblanc: Sponsoren finanzieren sonst lieber etablierte Kunst. Dass sich das allmählich ändert, ist erfreulich.

Die Auswahl der YDP-Projekte trifft letztverantwortlich der Schauspielchef der Salzburger Festspiele, Thomas Oberender. Die Hauptlast der Arbeit liegt indes wie oft im Theater (und nicht nur dort) auf einer Frau: Martine Dennewald. Jemand muss schließlich all diese vermeintlichen und tatsächlichen Novitäten anschauen.

Die prominent besetzte Jury – Klaus Maria Brandauer, Brigit Minichmayr, Galerist Thaddäus Ropac, „Standard“-Kulturchefin Andrea Schurian und Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler – tut das nämlich nicht. Sie schaut sich lediglich die nach Salzburg eingeladenen Produktionen an und wählt die ihrer Ansicht nach beste aus. Thomas Oberender absolvierte heuer sein letztes Jahr als Salzburger Schauspielchef. Vielleicht hat er sich deshalb mehr getraut als sonst. Die Auswahl der Produktionen, die erstmals an verschiedenen Orten in Salzburg stattfanden, wirkte jedenfalls spannend.  

Die YDP-Produktionen sind im allgemeinen gut, manchmal wird aber auch das sprichwörtliche Rad neu erfunden. Nicht immer gibt es echte Innovationen zu sehen. Auch in diesem Jahr war das durchaus nicht der Fall: Reality-Theater ist seit längerem in Mode (z. B. „Rimini Protokoll“). Auch Grenzgänge zwischen den Künsten sind gefragt: Bildende Kunst, Theater, Film, Tanz, Musik mischen sich. Ein besonders origineller Vertreter dieser Cross-over-Performances war der verstorbene Christoph Schlingensief, der seine Kreationen zusätzlich als Protagonist oder Moderator vital gestaltete, veredelte.

Eine saturierte Gesellschaft will nicht nur sitzen und zuschauen, sondern etwas erleben. Die Gruppe „Signa“, die heuer eingeladen wurde und für Diskussionen sorgte, geht beim Einreissen der imaginären vierten Wand seit Jahren besonders weit. Diesmal war das Thema: Mädchenhandel. Zuschauer konnten zusehen wie die jungen Frauen (Schauspielerinnen!) gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt werden. Ein schmieriger Zuhälter (Schauspieler!) bot den teils entsetzten Besuchern z. B. eine 18jährige Russin für 5000 Euro an, die 1000 Euro in der Stunde einbringt, ein schmieriger Teufel (Mephisto) rauchte mit dem Publikum gar manche Zigarette.

Wie oft war auch bei „Signa“ der „Steirische Herbst“ Pionier: Das Festival lud 2008 die Irrenhaus-Performance „Die Komplex-Nord-Methode“ von Signa nach Graz ein, bei der das Publikum zu Patienten umfunktioniert wurde und erlebte, was echte Psychiatrie-Insassen tagtäglich erleiden und erfahren.

„Das ehemalige Haus“ von Signa, im Salzburger Vorort Maxglan präsentiert, irritierte nicht nur die YDP-Juroren Brandauer und Rabl-Stadler. Es ist einfach ein Schocker – aber es zeigt, was Kunst zeigen soll und viel zu selten tut: Das Leben, hautnah. Die Aufführung ist auch keineswegs voyeuristisch, sondern gesellschaftskritisch angelegt. Als gewöhnlicher Besucher darf man flüchten. Als Jury-Mitglied hat man die Verpflichtung, auszuharren und sich mit dem, was man sieht, auseinander zu setzen. Kritiker können auch nicht das Weite suchen, wenn ihnen eine Produktion nicht in den Kram passt.

Ein Juror, der eine Aufführung, die er beurteilen sollte, verlässt, sollte das Juror-Sein besser bleiben lassen. Das gilt auch für Rabls Jury-Kollegen Klaus Maria Brandauer, der ebenfalls „Das ehemalige Haus“ verließ und an der charmanten, aber eher harmlosen Selbsterfahrung „A Game of You“ von der belgischen Gruppe Ontroerend Goed nicht teilnehmen wollte: Besucher erzählen hier aus ihrem Leben und bekommen die Geschichten anschließend von Schauspielern vorgeführt.

Das YDP hat trotz der Turbulenzen auch heuer einen Sieger hervorgebracht, der den mit 10.000 Euro dotierten Preis bekommt: „Symphony of a Missing Room“ von der Gruppe Lundahl & Seitl. Das oft weit abseits vom echten Leben dümpelnde alte Theater hat ferner einen Triumph erlebt: Es hat endlich wieder einmal provoziert. Épater le bourgeois: Bürger schrecken funktioniert ja heute viel schwerer als bei den weiland auf diesem Sektor so begabten 1968iger-Revoluzzern der Bühnenkunst. Das Publikum ist extrem tolerant geworden. Es erregt, es erhebt sich nur mehr selten, springt kaum mehr Türen knallend aus dem Zuschauerraum. Juroren allerdings sollten auf jeden Fall sitzen bleiben, was immer auch geschieht. Sonst  müssen sie sich fragen, fragen lassen, ob  sie nicht besser gleich weg geblieben wären: Vom Theater und von der Jury.

 

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