Steirischer Herbst: Kunst hilft den Revolutionen

„Die Wahrheit ist konkret“ lautet das Motto des "steirischen Herbsts", der in aller Welt politische Kunst für einen Marathon in Graz einsammelte - u. a. aus Amerika, Lateinamerika, Österreich.

Steirischer Herbst
Steirischer Herbst
Steirischer Herbst: Kunst hilft den Revolutionen – Nenad Duda Petrović (Steirischer Herbst)

Im Garten des biologischen Ungehorsams fressen verrückte Ameisen Computer. Im Mobilen Salon kann man sich einen kostenlosen Haircut machen lassen. Die Tage der Unschuld sind vorbei. Intoleranz wird zur Normalität. Manche wollen lieber ihre Identität zurückhaben. Danke Demokratie! Dies ist eine Auswahl aus den witzigen Titeln zu mitunter gravierenden, ja, tragischen Themen des „Steirischen Herbsts“, der sich heuer stark mit Politik beschäftigt. Intendantin Veronica Kaup-Hasler spricht über das wichtigste Highlight, den Marathon „Truth is concrete“.

Der „Herbst“ eröffnet mit einem Paukenschlag unter dem Titel „Truth is concrete“, die Wahrheit ist konkret. Das Festival befasst sich eine Woche lang mit den Protestbewegungen dieser Welt. Wie ist dieser Schwerpunkt entstanden, an dem 250 Leute teilnehmen?

Wir wollten seismografisch auf das Weltgeschehen reagieren. Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren eine Zeit erlebt, in der sich politisch festgeschriebene Systeme,

Veronica Kaup-Hasler – APA (Thomas Aurin)
Machtgefüge rasant verändert haben. Nur einige Beispiele: der Arabische Frühling, Occupy Wall Street, die Demonstrationen in Madrid, Tel Aviv, Athen, Pussy Riot in Russland. Selten zuvor hat Kunst eine so große Rolle bei solchen Erhebungen gespielt. Wir haben daher beschlossen, dass der „Herbst“ eine bis dato nicht vergleichbare Plattform bildet, in der sich Philosophen, Aktivisten, Künstlerinnen und Künstler versammeln und austauschen können. Wir fragen, wo sich Kunst jenseits des rein Dokumentarischen in konkrete Zusammenhänge begibt, um die Gesellschaft zu verändern.

Können Sie ein paar Beispiele von Gruppen oder Personen sagen, die Sie eingeladen haben?

Es gibt die Iconoclasistas aus Argentinien, das ist eine Gruppe von Grafikern, die ihre Kreativität nützen, um sichtbar zu machen, was in der offiziellen Geschichtsschreibung oder in Schulbüchern nicht vorkommt, Massaker, Revolutionen, Ausrottung usw. Sie nehmen nicht ihre eigene Ästhetik, sondern nutzen das, was in den jeweiligen Ländern, Peru, Chile, vorhanden ist. In Mexiko etwa lehnen sie sich stark an die Pachamama-Figur an, die sowohl für die Indigenen als auch in der katholischen Tradition wichtig ist. Die Gruppe nimmt auch Stammbäume in Kirchen als Tool, um aufzuklären. Wir haben Filmemacher. Wir haben z. B. eine hochinteressante Bewegung von Fotografen, das Observatorio de Favelas, die in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro tätig sind und dafür sorgen, dass auch die Abgebildeten der schrecklichen oder auch sozialromantischen Aufnahmen, die dort gemacht werden, etwas von diesen Bildern haben. Sie haben für sie eine Agentur gegründet, in der sie selbst ihre Bildrechte verkaufen, und sie haben eine Fotoschule, in der Bewohner der Favelas das Handwerk lernen können.

Sind auch westliche Gruppen vertreten, amerikanische?

Naturgemäß viele. Ein Beispiel wäre die Bildende-Künstler-Gruppe Pinky Show, die eine aufklärerische Zeichentrickserie macht. Sie können sie auf YouTube ansehen. Hier werden  unterschiedliche aktuelle Themen, die unser Leben prägen, vom Irak-Krieg bis zur Kunstförderung, in einer leicht verständlichen Form für Kinder und Erwachsene vermittelt, eine Art Simpson-Serie zur Aufklärung, für verfälschte oder unterdrückte Tatsachen und Themen.

Sie haben den Ex-Bürgermeister von Bogotá, den Philosophen und Mathematiker Antanas Mockus, eingeladen.

Ja, er kommt. Er war von 2001 bis 2003 Bürgermeister von Bogotá. Er hat einen höchst eigenartigen Wahlkampf geführt – mit künstlerischen Strategien und schlottrigen Superman-Outfits. Er hat das Verkehrschaos in Bogotá verbessert, indem er arbeitslose Schauspieler und Schauspielerinnen in Kostümen auf der Straße eingesetzt hat. Mockus gelang es, mit künstlerischen Strategien die Kriminalitätsrate um 70 Prozent zu senken. Er hatte ganz fabulöse, seltsame, auch schrullige, aber wirkungsvolle Ideen. Wenn ein Politiker gelogen hat, musste er für einen Tag ein bestimmtes Kostüm anziehen. Mockus kommt am Eröffnungstag und wird über die Veränderungen sprechen, die er durch seine Maßnahmen in der kolumbianischen Hauptstadt erzielt hat.

Gibt es auch Gruppen, die aufgrund ihrer oppositionellen Tätigkeit in ihrer Heimat nicht ausreisen dürfen?

Wir wissen nicht, ob die russische Street-Art-Gruppe Voina kommen kann, Andersdenkende in Russland haben es derzeit unfassbar schwer. Viele Künstler leben gefährlich.

Wie haben Sie alle diese Leute gefunden?

Meine Dramaturgen und ich sind sehr viel gereist. Ich selbst war in Brasilien und Argentinien, um bei politisch arbeitenden Künstlern zu recherchieren. Man muss vor Ort sein, später kann man im Internet weiterforschen. Es passiert so viel, dass der 170-Stunden-Marathon schnell gefüllt war. „Truth is concrete“ ist übrigens ein 24-Stunden-Programm. Es gibt viele kleinteilige Screenings und Performances, es wird immer etwas los sein, wir wollen einen Denkraum, einen sozialen Raum schaffen.

Gibt es Gruppen aus Österreich? Geht’s auch um die derzeitigen innenpolitischen Skandale?

Es gibt eine ganze Reihe österreichischer Beiträge, wovon viele wohl auch auf die gegenwärtige politische Situation reagieren. Vorreiter für politisch-soziales Engagement ist im Übrigen die österreichische Gruppe Wochenklausur, die sehr früh mit interessanten künstlerischen Mitteln auf soziale und regionale Problematiken hingewiesen hat.

Nach einer Prophezeiung der Maya wird am 21. 12. 2012 die Welt untergehen. Vielleicht geht sie aber auch nicht unter, sondern sie erlebt einen Genesungsprozess, einen totalen Wandel, auch dank der Kunst. Was meinen Sie?

Vielleicht. Wir wollen jetzt einmal innehalten und alle diese Protestbewegungen wahrnehmen. Wir haben aber auch noch vieles andere bei diesem „Herbst“, z. B. „Rebranding European Muslims“ aus Israel über das Image von Moslems in Europa. In ein paar Jahren werden wir klüger sein. Es wäre allerdings hochgradig naiv zu glauben, man macht ein bisschen was mit Kunst, und dann werden die Verhältnisse schön. Das ist nicht der Fall. Natürlich gibt es einen Wunsch nach Demokratisierung und Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Kunst macht das immer wieder auch sichtbar. Aber eine globale Heilserwartung durch die Kunst zu haben, würde mir nicht einfallen, dazu bin ich viel zu realistisch.

Tipp

Truth is concrete 21.–28. 9. im Camp Festival 21. 9.–14. 10., u. a. mit Heiner Goebbels oder „1 Hour 18 Minutes“ über Folter und Missbrauch in Russland, ferner „Rebranding European Muslims“ aus Israel, (28. 9.) steirischerherbst.at

 

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