Otto Neurath: Die Dow-Jones-Achterbahn

Otto Neurath (1882–1945) beeinflusst mit seinen Piktogrammen immer noch Künstler. Meist bleibt er aber besser. „Worte trennen, Bilder verbinden“, lautete sein Motto. Im Wiener Künstlerhaus.

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(C) Michael Bielicky

Bei Rot bleib stehen, bei Grün darfst gehen – oder auch pinkeln, den Hund Gassi führen, sich sinnend an eine Mauer lehnen oder, sehr makaber, sich erhängen. Derart ungewohnte Zeichen tauchten jedenfalls auf Prager Ampeln auf. 2007 war das. Der 1974 geborene Künstler Roman Týc hat die provokanten Männchen bei 50 Fußgängerampeln über die gewohnten geklebt, „Ampel-Hacking“, das ihn 60.000 CZK Strafe gekostet hätte. Týc ging lieber einen Monat ins Gefängnis und landete dabei dort, wo schon Václav Havel während der kommunistischen Herrschaft eingesperrt war.

Piktogramme nennen sich die stilisierten Zeichen von Personen oder Handlungen, die heute jeder blitzschnell erkennt, die einen durch Flughäfen lotsen oder zu den Toiletten geleiten. Ein Österreicher hat sie in den 1920er-Jahren entwickelt, Otto Neurath hieß er und sollte hierzulande eigentlich längst nicht mehr der Unbekannte sein, der er immer noch ist. Neurath war ein austromarxistisch engagierter Nationalökonom, Volksbildner und Wohnvisionär, der den Schrebergarten als Ideal des sozialen Wohnbaus sah – ganz im Gegenteil zum restlichen roten Wien, das der Gemeinde-Burg frönte. 1945 starb er im Oxforder Exil. Seine heutige Relevanz generiert Neurath aber immer noch vor allem durch die Entwicklung der Piktogramme, auch „Wiener Methode der Bildstatistik“ oder „Isotype“ genannt. Die „breite Masse der Bevölkerung“ sollte dadurch die Möglichkeit haben, „sachlich über Produktion, Auswanderung, Säuglingssterblichkeit, Warenhandel, Arbeitslosigkeit, Bekämpfung der Tuberkulose und des Alkoholismus“ etc. unterrichtet zu werden, sagte er. „Worte trennen, Bilder verbinden“, lautete sein Motto. An dem so manche Ausstellung über Neurath ein wenig, sagen wir – verzweifelt.

 

Worte trennen, Bilder verbinden

So auch das Wiener Künstlerhaus, das anlässlich des 130. Geburtstags des Wissenschaftlers seinen Einfluss auf die heutigen bildenden Künstler aufzeigen möchte. Die Kuratorinnen Christine Holter und Barbara Höller haben sich daraufhin auf Jagd nach allem gemacht, was nach sozial bzw. politisch engagiertem Piktogramm aussieht. Und über 40 Künstler bzw. Künstlergruppen ausgewählt (wobei es sichtlich schwierig war, Künstlerinnen zu finden, die sich mit diesem Thema beschäftigen).

Darunter befinden sich Arbeiten, die Neurath wohl gefallen hätten. Sie sind klar verständlich, für „die breite Masse“ eben, und haben einen gewissen Witz – der massige Neurath etwa signierte seine Briefe immer mit einem Elefanten: Týcs Ampel-Spiel etwa. Oder Christian Rupps Installation, bei der man in einem Wagon sitzend die Illusion einer rasanten (ökonomischen) Achterbahnfahrt hat – der Dow-Jones-Kurve seit Beginn der Wirtschaftskrise folgend.

Spannend ist auch Bernhard Cellas statistische Aufzeichnung über ein österreichisches Kunstjahr (1995) – bekamen mehr Männer oder mehr Frauen Einzelausstellungen? Raten Sie! Hier beginnt der Vergleich mit Neuraths anschaulicher Bildstatistik aber bereits zu hinken. Wie bei vielen Arbeiten, die ihre (teils lauen) politischen, sozialen, ethischen Erkenntnisse eher zu verschleiern trachten, als eine eindeutige Bildsprache für sie zu finden.

Ein guter Link gelingt zur Icon-Veränderung durch das Internet – ist etwa der QR-Code das Piktogramm der Zukunft? Die Andeutung sitzt. Hier hätte man sich tiefere Schürfungen gewünscht. Kommt ja vielleicht noch, beim Symposium (24./25. Jänner). Oder bei einer der nächsten Ausstellungsstationen, die gerade verhandelt werden.

Bis 17.2., tägl. 10–18h, Do.–21h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2012)

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