Mitten in Tirol: Asien und Afrika

Das Schwazer Haus der Völker hat eine neue, fensterlose Bleibe. Nichts von der Außenwelt soll in diese Höhle dringen. Der Standort ist suboptimal, die Infrastruktur aber auf dem neuesten Stand.

Auch Indonesien fehlt nicht und zeigt die Verwandtschaft seiner Kunst mit der Afrikas.
Auch Indonesien fehlt nicht und zeigt die Verwandtschaft seiner Kunst mit der Afrikas.
Mitten in Tirol: Asien und Afrika – (c) Museum der Völker

Das Schwazer Haus der Völker ist 18 und somit erwachsen genug, um sich nun „Museum der Völker“ zu nennen. Ausgezogen aus der alten Bleibe ist es allerdings nur teilweise, und zwar in einen Neubau, der an das Kloster aus dem 16. Jahrhundert straßenseitig angedockt wurde, in dem das einzige völkerkundliche Museum Westösterreichs seit 1995 eingenistet war. Ein Freudentag für den aus Schwaz stammenden Fotografen und Sammler Gert Chesi, der in seiner Euphorie in die knapp 1000 Quadratmeter fast zu viel hineingestopft hat. So schwer war für ihn offensichtlich die Wahl aus den mehr als 4000 Objekten seiner eigenen Sammlung, der ihm als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellten Grazer Hanns Schell Collection sowie Kathrin und Andreas Lindners Münchner Stiftung für außereuropäische Kunst.

Von den Han bis zur Nok-Kultur

Der vom Innsbrucker Architekten Peter Mayrhofer konzipierte, 30 Meter lange, zwölf Meter breite und rund fünf Meter aufgeständerte weiße Baukörper – der Architekt hätte seine Hülle lieber schwarz gesehen – ist fensterlos. Nichts von der Außenwelt sollte in diese Höhle mit ihren blauen, roten und grünen Wänden dringen, die in völlig andere, meist untergegangene außereuropäische Welten führt. Die Reise beginnt bei den Göttern Ostasiens. In einer Vitrine liegen neben Lackgefäßen heilige Schriften aus Burma. Auf Sockeln steht ein über 2000 Jahre altes riesiges Tonpferd der Han-Periode, neben Buddhas in diversen Formen und Materialien, Herrscherfiguren der kambodschanischen Khmer und einem monumentalen steinernen Vishnu aus dem Indien des 10. Jahrhunderts.

Über eine Rampe erreicht man die Archäologieabteilung des Schwazer Museums der Völker. Ihr Mittelpunkt ist die einzigartige Sammlung von Figuren und Fragmenten der geheimnisumwitterten Nok-Kultur, die zwischen 2000 und 2500 v. Chr. in Nigeria blühte. Gegenübergestellt den formal so anderen Ausgrabungen aus der chinesischen Han-Periode und 3000 bis 4000 Jahre alten Bronzen aus Thailand. Zentrum der Afrikaabteilung ist ein nachgebauter Voodootempel, umstellt von unzähligen Masken, Figuren, Grabbeigaben und Kultobjekten der unterschiedlichsten Stammeskulturen. Die wieder so anders daherkommen als jene des Indonesien von gestern und prinzipiell doch sehr viel Verwandtschaft zeigen.

Um das Museum der Völker lebendig zu erhalten, soll sich dieses immer wieder wandeln. Etwa durch Sonderausstellungen, von denen es jährlich zwei große und vier bis sechs kleinere geben soll. Den Anfang machen die fabelhaft schrägen Geistermasken, die Gert Chesi von einer Reise nach Thailand mitgebracht hat. Und die neue Studiogalerie wird mit jenen Fotografien „eingeweiht“, die Peter Frank von den Sangomas, den traditionellen Heilern Südafrikas, gemacht hat.

Viribus unitis: Stadt und Land helfen

Um seine wachsende Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, richtete Gert Chesi 1995 das Haus der Völker ein, mithilfe des Landes Tirol, der Stadt Schwaz und des Bundes. Vor einigen Jahren hat der heute 73-Jährige einen großen Teil seiner Sammlung an den Grazer Industriellen Hanns Schell verkauft und das Haus von einem Privat- in ein Vereinsmuseum umgewandelt, dessen Obmann er ist und auch zu bleiben gedenkt. Nicht zuletzt, weil sich Stadt und Land nun zum Museum bekennen.

Das war nicht immer so. Das Museum erhielt 2009 eine Kündigung vom Eigentümer, dem Land. Chesi sah seine Sammlung bereits obdachlos. Umzugspläne waren unfinanzierbar. Und so kam es nach langwierigen Verhandlungen mit dem Land zum Um- bzw. Neubau des für ein Museum suboptimalen Standorts am Stadtrand, der nun allerdings in Sachen museologischer Infrastruktur auf neuestem Stand ist. Gekostet hat der vom Land finanzierte Umbau 1,5 Millionen Euro. Das Museum zahlt auf unbestimmte Zeit keine Miete. Die Stadt Schwaz schießt jährlich 22.000 Euro bei, der Bund zahlt seit zwei Jahren nichts. Die Sonderausstellungen werden also auch zukünftig von Chesi nicht nur gemacht, sondern auch finanziert werden müssen. Hilfreich dabei ist der gut bestückte Ethno-Shop.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2013)

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