„Die Damen“: Zurückgemeldet

Das Künstlerinnenkollektiv „Die Damen“ will Freude und Leichtigkeit in den Kunstbetrieb bringen.

Auf dem Kunstkalender: „Die Damen präsentieren ihre Zukunft“ (Kalender für das Jahr 1991).
Auf dem Kunstkalender: „Die Damen präsentieren ihre Zukunft“ (Kalender für das Jahr 1991).
„Die Damen“: Zurückgemeldet – (c) Wolfgang Woessner

Es ist, als wäre gar nichts gewesen. Als hätte es keine Unterbrechung ge-geben. Als wären „Die Damen“, Wiener Künstlerinnenkollektiv avant la lettre, auch in den letzten 17 Jahren präsent gewesen. Als wären sie nie von der Bildfläche verschwunden, bevor die Nachricht die Runde gemacht hat, dass die niederösterreichische Landesgalerie „Zeitkunst“ ihren Ausstellungssommer mit einer „Damen“-Ausstellung einläuten würde.

Dabei war es um das 1987 von Ona B., Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl gegündete Quartett nach 1996 recht ruhig geworden. Ein Gartenfest und eine „Damen-Tombola“, die „die witzigste Kunsttruppe, die Wien in den letzten Jahren hervorgebracht hat“ (Eigendefinition laut Einladungskarte), am 18. Mai 1996 in einer Gärtnerei in Bozen veranstaltete, sollte das vorerst letzte Event sein. Der Anlass war eine Buchpräsentation. Perfekt inszeniert wie immer trugen die Damen hellgrüne Kostüme und Gärtnerschürzen aus der Hand von Ona B.s Großmutter (Bild rechts oben). Als Lose verkauften sie Duftsiebdrucke mit Rosenmotiv. Zu gewinnen gab es Multiples früherer Aktionen.

Ein Postamt in der Secession. Diese Art der Selbstvermarktung entspricht ganz dem Prinzip der Damen. Wiederkehrende Elemente waren: pfiffiges, auf den Anlass abgestimmtes Outfit, das selbst entworfen oder nach gründlicher Recherche gekauft wurde und durchaus auch von Jean-Paul-Gaultier stammen konnte. Ein entsprechender Rahmen, notfalls auch nachgebaut: etwa ein Postamt, wie es für die Aktion „Postmodern“ 1989 in der Wiener Secession eingerichtet wurde. Und ein eigens hergestelltes Kunstwerk, das es meist in zwei Varianten gab: einer streng limitierten Edition für Sammler und einer Volksedition in hoher Auflage.

Das konnte im Fall „Postmodern“ eine Briefmarke sein oder ein Fotokalender, wie ihn der kunstsinnige Vorstandsvorsitzende der Austria Tabakwerke 1990 als Goodie für Geschäftspartner in Auftrag gab. Die Bandbreite ersteckte sich von Inseraten, Zeitschriften, Postkarten, Bierdeckeln bis hin zum Emailschild und einer Strumpfhose in exklusiver 150er-Auflage. Letztere beiden waren die Einstandsedition, mit der die Aufnahme des prominenten amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiners als „Dame“ nach Ingeborg Strobls Ausscheiden 1992 dokumentiert wurde. Der Schwerpunkt lag dabei stets auf der künstlerischen Gestaltung, wobei die Mitarbeiter aufs Sorgfältigste ausgewählt wurden.

Tableau vivant mit Geishas. Eine Schlüsselrolle spielte etwa der Wiener Fotograf Wolfgang Woessner, der dank seiner Fähigkeit, sich ganz auf die Wünsche der Künstlerinnen einzustellen, ein wichtiger Bestandteil des Kollektivs wurde. Er fotografierte bald schon nahezu alle Aktivitäten. Gemeinsam mit ihm trieben die Damen das Genre des inszenierten Tableau vivant auf die Spitze und zur Perfektion, wobei die Thematik jeweils vom Anlass abhing. Für die Pressefotos im Vorfeld einer Japan-Reise 1993 beispielsweise, deren Thema eine „transkulturelle Recherche zu Frage und Gegenstand des Bösen“ sein sollte, zogen sie im Setagayapark in Wien Döbling ein, legten Kimonos und Sonnenschirmchen an und posierten inmitten eines künstlichen Wasserfalls kokett als Geishas.
Persiflage war insgesamt ein zentrales Element. Zielscheibe des Spotts waren vor allem die Auswüchse des Kunstbetriebs. So „verdankte“ sich schon die Gründung der Damen einem als missglückt empfundenen Symposium zum Thema Kunst und Wirtschaft im Jahr 1987. Ein paar Monate später folgte schon der erste Auftritt in einem Restaurant am Wiener Westbahnhof: „Aus gegebenem Anlass“, so der vielsagende Titel. „Es war alles so humorlos und verkrampft!“, erinnert sich Ona B. heute. „Wir haben uns als Künstlerinnen überhaupt nicht ernst genommen und vertreten gefühlt. So haben wir uns zusammengetan, um wieder Freude und Leichtigkeit in den Kunstbetrieb zu bringen.“ Der Erfolg war sofort durchschlagend. Fast die gesamte Wiener Kunstszene, von Christian Ludwig Attersee bis zu Gerwald Rockenschaub, dem intellektuellen Kontextkünstler, füllte bei Damen-Veranstaltungen die Ränge.

Fast tägliche Treffen. „Das alles geschah ohne kommerziellen Hintergedanken. Was hereinkam, wurde sofort ins nächste Projekt investiert“, beschreibt Ingeborg Strobl, die der Gruppe auch nach ihrem Ausscheiden als „Arbeits- und Schatten-Dame“ erhalten blieb, die Ökonomie des Projekts. „Wir haben von Anfang an sehr viele Anfragen bekommen und uns teilweise fast täglich getroffen. Das Ganze war ein Selbstläufer. Wichtig dabei war, dass wir unsere eigene künstlerische Arbeit nicht aufgegeben haben und sich diese nicht in den Damen widergespiegelt hat.“ Vor einem Jahr haben sie sich wieder zusammengetan und abermals fast täglich getroffen, um für den White Cube der St. Pöltener Shedhalle ihre bisher größte Arbeit zu verwirklichen. Strobl: „Die Ausstellung ist historisch und dokumentarisch, zugleich aber wird sie eine Inszenierung sein – und damit ein neues Gesamtkunstwerk der Damen.“  

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